Ein Entkommen gab es nicht, ich meinte, jeden Geruch in der Bahn zu kennen und wurde doch überrascht. Zunächst warf ich meine Blicke über die Sitzreihen, ausschauhaltend nach einer in sich eingesunkenen Gestalt mit vollgestopften Plastikbeuteln und wirrem Haar, ein lebloser, geruchsintensiver Träger eines noch schlagenden Herzens, allein in einem Winkel versteckt, gesellschaftsverfremdet und abseits des allgemeinen Alltags. Doch ich fand niemanden, bloß in jeder Scheibe mein Spiegelbild über den leeren Sitzen. Das Abteil breitete sich in seiner Trostlosigkeit vor mir aus und ich konnte den Ursprung des Gestanks nicht entdecken. Im nächsten sah ich zwei Jugendliche sitzen und das war’s. Auch hier stank es, aber ich gab meine Suche auf, hockte mich in eine Sitzreihe und starrte abwechselnd in die Landschaft und zu den beiden Freunden, die sich ein paar Kopfhörer teilten. Mussten sie nicht in der Schule sein? Aber wer war ich, zu urteilen? Mein Blick flog nach draußen, mein Blick prallte an der Scheibe zurück. Ich machte mir nichts aus meinem Spiegelbild. Eine Wolke zog vorbei wie ein verirrter Schwan, der Himmel blaute auf und die Sinnlosigkeit des Tages verfolgte mich; auch jetzt, wo ich ein Ziel hatte, zog sie sich nicht zurück – im Gegenteil. Ich konnte mir mit Musik die Sinnlosigkeit der Zeit vertreiben, mit meinen Handyspielen oder den komischen, unlustigen Internetvideos, aber wohin ich sie auch vertrieb, sie holte mich wieder ein. Der Bauarbeiter-Maulwurf, der auf einem DB-Plakat über Bauarbeiten und Sonderregelungen informierte, lachte mich an oder aus, egal. Die Jugendlichen lachten über irgendetwas, egal. Egal? Nein, nicht egal, aber weit entfernt. Die Sinnlosigkeit des Tages lebte auf, hatte sich in den leeren Sitzen dieser Bahn inkarniert, die Sinnlosigkeit des Tages wartete nicht unter einem Baum. Anfahren und Stehenbleiben reihte sich aneinander, der Zug nahm Fahrt auf, bremste und wieder alles von vorne. War es ein Fortschritt für mich, diese Gefühl des undefinierbaren Sinns? Wo war ich hier? fragte ich mich gewogen von dem schwachen Schunkeln auf den Schienen. Unbekannte nahmen den Platz neben mir ein, zwei, drei, egal. Die einzige Konstante schienen die Jugendlichen zu sein, ich legte mich fest: Die einzige Konstante war die Jugend.
Selbst der klägliche Versuch meiner Selbstaufgabe kam mir in Mitten dieses unerklärlichen Gestanks, der wechselnden Gesichter und der wie in einem Panorama vorbeiziehenden Häuser, Bäume und Straßen lächerlich sinnfrei vor. Über mir wechselte die Anzeigetafel routiniert die Haltestellen durch und ich erinnerte mich an meine Kindheit und die Fahrten mit der U18, wo ich bei jeder Haltestelle die Frauenstimme mitgesprochen habe, Stolz auf meine mir damals weltmeisterlich vorkommende Leistung, Stimmlage und Timing exakt zu treffen. Und jetzt? Ich stand auf, als wir in Oberhausen hielten, die Haltestelle war mir nicht wichtig, Oberhausen, Oberhausen war wichtig, das wusste ich noch.
Hinter den Zugtüren bremste die Landschaft. Ein Kaffee-to-go-Becher rollte gegen meinen Fuß – ich hob ihn nicht auf. Ein Student sprach mich an: Nein, sagte ich, ich habe kein Feuer. Wieso wollte der im Zug ein Feuerzeug, fragte ich mich, als er weiterging. Noch immer stank der ganze Zug nach menschlichen Exkrementen, eine Bäckertüte ohne Inhalt lugte aus dem kleinen Mülleimer der Bahn. Ich schob sie gänzlich rein, um ihr den Anblick zu ersparen und stieg aus.