Ziegelsteinräume

Zusammen gegen die Steine, eine Siedlung, auf Kriegstrümmern aufgebaut, in der die rote Farbe lebt: Ziegelsteine, Ascheplatz und Kontostand. An der viel zu bunt illuminierten Bruchbude die Zigarettenschachteln, Sonnenblumenkerne, Dosendrinks, einen flotten Spruch zuletzt gibt es gratis, einen Ratschlag, dem niemand folgt; es geht zurück zu den alten Verdächtigen. Augenpaare suchen die Straßen ab, Dönerbude an Brautgeschäft, für Leute, die sich noch trauen, ein Gebrauchtwagenhändler, eine Bäckerei mit Baklava, Obst- und Gemüsehändler, Straßenbahn und Autoarmee zwischen bröckelnden Fassaden, abgeschmackten Ornamenten und Taubenwohnheim. Wovon wird hier geträumt an den Randsteinen der Stadt, die man meidet, bewohnt man sie nicht selbst, wovon wird sich hier nicht getraut, zu sprechen vor den Freunden und dem Vater, der Familie? Was sind hier die Wünsche dieser Menschen, die auf ewigem Kriegsfuß stehen mit den Erwartungen der anderen. Zusammengedrängt auf der Mauer oder Rücken an Rücken mit der alten Marktbank sitzen sie als Gruppe zusammen. Der Platz ist sicher und frei, die Blicke belegt; Rauch steigt in die Luft wie Gedankengeister mystisch und warm. Die können streiten und die können lachen und du verstehst sie nicht, kommst du nicht hierher. Die suchen auch nach Liebe, während sie hier sitzen, und finden meist nur noch das Leid der Herzen, des eigenen und das der anderen. Die singen einsam mit der Bluetoothbox ihren Rap in die Straßenschluchten, Gebäudefluchten, Parkplatzbuchten, und immer wieder die alten Lieder voller vielstimmiger Aggression und unausgesprochener Hoffnung. Man hört ein Lachen unweit der Kirche, die keiner von innen kennt, wie sie dort auf den Freiluftbänken verharren: Dieser hier wird bald sechzehn und dessen Freundin ist schwanger und dieser Mann drückt nachts in der Spielo die Zahlen nach oben, er ist der älteste hier, und dieser Junge wird die 10. Klasse nicht schaffen. Einen Bruder haben sie gestern aus dem Verkehr gezogen – so heißt es – aber Mitleid gibt es schon lange keines mehr unter dem süßen Dampf der E-Zigaretten. Juri hat die Sonnenblumenkerne aus dem Kiosk dabei, verteilt, verzehrt und Juri träumt in die Rauchschwaden hinein von seinen noch tollen Schulnoten, die hier aber niemanden interessieren, er kaut die kalten Kerne wie alle anderen und lässt den Kopf am Ende hängen. Es ist alles eine Frage der Perspektive, denkt er, nein, es ist alles eine Frage der Umstände und der Zeit, in die man geboren wird, wie viel verschenktes Potenzial, wie viel Träume, die sich nicht entfalten können und dürfen und sterben, still und stetig das werden, was niemand werden will. Immer noch und noch immer und vor allem hier.