Die Sonne, der See im Hintergrund, Abgase und die Rufe der Biker, das Baby im Wagen, die kleine Familie, Hand an Hand. Das waren diese Tage im Frühling oder Sommer oder Herbst am See, all das kommt mir wieder, Jahre später: Wir, mein Vater und ich auf Skatern, wir fuhren am Baldeneysee und diese eine Stelle hätte ich fast verdrängt: Aufheulende Motoren in der Seestille und Menschen auf Motorrädern im Aufbruch wie die graubraunen Gänse, die sich in die Szene mischten, fern und heimwärts fort flogen sie nach Kanada oder kamen, je nachdem. Diese Bilder steigen ohne Vorwarnung in meinen Kopf:
Biker wie Gänse, die sich neben die Ruinen legten. Ich wusste lange nicht, dass es dort eine Ruine gab, ein Zeichen von verhafteter Geschichte im Raum, dass dieser Name dort herkam, Haus Scheppen, das wusste ich nicht. Restaurierte Steine, Träger, Stützen, Mauern und die Gänse auf den Gräsern und die Biker auf ihrem Platz. Hunderte auf viel zu kleinem Fleck, ein Wimmelbild, Abgase mit Currywurst in Pappschalen, lautbunt in Schwarz und Bier an bunten Pommespiekern; Geschrei, Geräusche absterbender und aufheulender Motoren, die Motorradmanege am See tönte in ihrem Genre.
Mein Vater und ich, wir kamen aus Süden und drangen in die Szene wie zwei Fremdkörper in einen Organismus: Lautstark lagen Sonnenstrahlen auf dem Herbstasphalt, wo er unter der Masse noch zu sehen war. Der eine wollte den anderen übertönen. Braune Gänse breiteten ihre Flügel aus. Kein Wegfliegen, Vorwärtskommen. Keinen Millimeter. Es schien eng zu werden, unruhig und dicht. Da drängte das Fahrrad den Skater zum Manöver, der fiel dem Motorrad fast in den Reifen. Der Kinderwagen schleuderte bedenklich an einem Stehtisch. Eine Gruppe trank das Bier zur Pommes Schranke, beste Aussicht auf einander, schlechte Zeiten für ein Gespräch. Schreie, keiner wusste was und wer: ein Motorrad, eine Gans, eine Stimme? Lachen, ein Lachen verlor sich im Motorenlärm. Prahlen mit PS. Bikeroutfits wie Trikots hunderter Mannschaften, der gleiche Sport, diverse Teams, Hass, kein Hass? Verlier du mal ein schlechtes Wort. Alles glich sich in diesem Wirrwarr, bei jeder Durchfahrt dachte ich, die selben Tiere, Menschen und Maschinen zu sehen, niedergelassene Splitter eines Ganzen, sich für eine begrenzte Zeit gefunden, bevor sie auseinander flogen. Diese Oberflächlichkeit begriff ich erst Jahre später.
Wir durchquerten die Szene, deren Spaß mich ängstigte und es noch immer tut. Ich verlor meine Augen in der Menge, düstere Motorradkluften, brutal und bedrohlich wirkend, teils bunte Bikes, auch Fahrräder, modern und alt, aufknallende Motoren wie abgefeuerte Schreckschüsse, Chrom, Edelstahl, Aluminium, die schwangere Frau brüllte in ihr Handy, wo kam sie plötzlich her? Ein Kinderwagen wurde geschoben, eine Familie auf Inlinern, ein Mann prahlte mit seinen Tätowierungen auf dem kahlrasierten Schädel, Feuer, Drache, Dreizack, Teufel, die Namen der Kinder neben dem Carpe Diem und ich steuerte durch sie hindurch, ließ langsam rollen, die Angst, eines der Tausendeurogeräte zu berühren, umzukippen, zu zerkratzen im Nacken; mein Vater fuhr immer voraus. Diese Maschinen erinnerten mich an Tiere, teilweise, und über uns zogen graubraune Gänse zum Wasser, zur Ruine, zum Gras wie Erinnerungsfetzen; scheinbar nichts vermochte hier zu verdauern, alles vermischte sich in Flüchtigkeit und Taumel.
Dann waren wir durch, durch eine Welt, die ich nie verstand, weder die Menschen noch die Maschinen. Aber das war okay. Ich musste dort niemals verweilen und durfte vieles aufnehmen in den kurzen Augenblicken der Durchfahrt. Heute weiß ich: Man kann sich nicht an allen Orten heimisch fühlen, auch wenn sie in der eigenen Heimat liegen. Damals pustete ich durch, nachdem es vorbei war, ein Atemzug Weite, Erleichterung, kaum noch Gänse, die geparkten Zweiräder zu unserer Rechten wurden weniger, die Reihe dünnte sich aus, als würde sie vergessen, sogar ein Auto passte jetzt zwischen die Motorräder und Haus Scheppen verblasste langsam aber unaufhaltsam im Rückblick; Schade und zum Glück.