Weltfern verweilend, an heimischen Orten staunen. Was war es, was dort stand? Am Kennedyplatz vor vielen Jahren? Ich dachte: Was mir fehlt, kommt nicht wieder und was nicht wiederkommt, wird vergessen: Geschäfte, Geschichten und Gestalten. Der stetige Wechsel erledigt Erinnerung, liquidiert sie, einfach weg, auch hier, gerade hier. Sich nie an alles erinnern können, nur fühlen: Etwas fehlt. Nichts dauert mehr. Einzig einzelne Fassadenornamente trotzten im Denkmalschutz dem Vergehen, stumme Zeitzeugen der Vergangenheit an der Kettwiger, eine Vergangenheit, die nicht meine war und doch. Bestellte ich nicht dort den Kaffee mit meiner Freundin, einen Burger, dort den Cocktail, der mich vor meinen Freunden aus den Schuhen kippen ließ? Wo war das noch gleich? Wie kam man dahin?
Aus der U-Bahn in die Innenstadt hinauf, Rolltreppenhimmel, Tauben und Apshalt, und ich schlenderte wieder durch ihre Straßen und Menschenströme und da erkannte ich, was ich vermisste: Die das Vermögen, diesen Raum in ein endgültiges Bild zu fassen abseits von Einzeleindrücken, für die es doch diese verdammten Schwarzweißbilder mit Vergangenheitsmotiven gibt. Vor mir erbrach sich ein Raummosaik in den Tag, ohne Textur und ohne Kitt, einfach Gebäude und die austauschbaren Brocken, mittlerweile eine Innenstadt wie anderswo. Die Schaufensterscheiben glatt und nichts blieb an ihnen haften, alles verrutschte, verfloss, verging. Fassaden, glattgestrichen und geschichtslos, funktional, abseits von Ästhetik und Wagnis, ich irrte mich durch. War dort nicht der Buchladen, wo jetzt eine Bäckerei, die noch nie einen Bäckermeister gesehen hat und nur das Aufbacken kennt, ihre Aufbackplunder verhökert? Daneben der Schnellimbiss, wie schnell wird er wieder verschwinden? Nur: Was war da vorher noch gleich und wieso war das wichtig? Ich dachte: Innenstädte dürfen sich nicht gleichen, ansonsten verlieren sie den Charme und die Geschichte und genau das passiert und ich überlegte, wie man das deutlich machen könnte und vor allem: Wem? Das Gewusel in der Innenstadt flachte nicht ab, auch jetzt am Nachmittag nicht, Konsum und Mehr und Markt und Masse. Einer gab mir Streichhölzer als Werbegeschenk und ein anderer bettelte um Kleingeld für ein Abendessen, so stand es jedenfalls auf dem Schild. Ja, das alles war um Vier und gemeinsam taten wir alle so, als wären wir in dieser Welt allein.
Dann der Glockenschlag, der uns alle aus den Gedankenkäfigen riss, das Klingen überm Deiterhaus und wir blieben stehen. Der Schlag, der mich traf, warf mich zurück: Wie früher mit meiner Oma hielt ich inne und verweilte mit dem Kopf im Nacken: Zwölf Törchen über mir, vier Etagen und ein Ziffernblatt, das wie die Sonne ganz oben schwebte, während immer neue Menschen zum Schlagen der Glocke auftraten. Bergmannsgeklimper, Ruhrgebietsfolklore zur vollen Stunde. Einer rempelte mich an, einer zog für eine Sekunde seine Musik aus den Ohren und einer schüttelte genervt den Kopf, umkurvte Körper um Körper, und entkam kommentarlos und krampfhaft schlecht gelaunt, wie so viele in den Tag, allein. Früher war mehr Staunen, dachte ich, mehr Augen in die Sonne, mehr Magie. Oder war ich alt geworden und romantisch? Was fehlt, kommt nicht wieder und was nicht wiederkommt, wird vergessen. Im Glockenspiel wiederholt sich alles. Jede Stunde, jede Umdrehung, jeder Laut und jeder Ton, Erinnerungen. Ich, als Kind neben meiner Oma, die längst kein Glockenspiel mehr hören kann, und vielleicht irgendwann das Mädchen dort, das neben ihrem Vater staunte, vielleicht kommt ihr säter einmal das alles wieder, der Vater, dieser Moment und ein Gefühl von Glück?
Vielleicht vergisst die Stadt das alles nicht, dachte ich, nur die Menschen. Vielleicht erinnert sich die Stadt an jeden Laden und jede Konditorei, an das kleine Café und die Boutique, den Bücherladen und irgendwann auch an den Schnellimbiss, den Ein-Euro-Shop, die Kettenaufbackbäckerei, an all das Kotzen nach der Diskonacht von diesem und jenem und mir. Ich weiß, die Zeit trägt alles fort, aber vielleicht kann die Seele der Innenstadt das Wunder bewahren, die Erinnerungen, die diese Straßen in sich tragen, und wahrscheinlich ist das Wunder für jeden ein anderes, ein neues, niemals nie ganz gleich. Vielleicht muss ich aber auch noch einmal wiederkommen, um das zu verstehen, um zu schauen, was sich verändert hat, um zu staunen über das, was bleibt und das was wurde, was wird, und zu wem ich dann geworden bin.