Was braucht es Berlin?

Freizeit, Freizeit, das bedeutet Gereiztheit im besten zeitgenössischem Sinn, bedeutet radikale Rasanz, größte Geschwindigkeit, Überforderung, Inflation und das Mehrmehrmehr auch hier, gerade hier, was heißt Freizeit daher anderes als ständige Selbstvorwürfe über den drohenden Stillstand, die fortwährende Angst vor Faulheit, Trägheit, Gemütlichkeit, Sonntagsgefühle: Todsünden! Alles störende, lähmende muss verschwinden, ohne Punkt und Komma leben labern lernen, alles weg, Großschreibung, Leerzeichen, Atempausen, Atemsausen! Der gewaltige Imperativ der Zeit, das ständige Optimieren, Verbessern, Auf-die-Spitze-Treiben gilt auch hier: ALLES gilt es zu optimieren, so wie es das Leben gerade will, deshalb: Um vollkommen zu sein auch die Freizeit: Erleben-Müssen, nichts verpassen-dürfen, irgendwo wird etwas sein, fortwährend suchen, geplagt von der Angst, etwas zu verpassen, in der Freizeit etwas zu verpassen, das-wird-man-ja-wohl-noch-verpassen-dürfen: NEIN! Stressgeplagt in der Freizeit: Freizeitstress – was ein Wort – täglich, stündlich, jetzt: Ich verfeinere die Freizeit, halte keinen Atem still, die freie Zeit, die einen sowieso ängstigt in ihrer viel zu unendlichen Möglichkeitsfülle und Strukturgebietslosigkeit, also: Optimierung, Optimierung im hedonistischsten Sinne: Alles, immer, überall mitnehmen wollen: ständiges Betrachten, Sehen, Glotzen auf der Hatz nach MEHR, diese Degradation des Blicks, Zersplitterung, Fragmentierung des Erlebens, alles betrifft mich, ich lebe diese Zeit, die gewaltigste Brutalität des Jetzt, alles geht uns an: Das stete, unablässige Hetzen und Hecheln und Hasten des Körpers, des Geists – wonach? Habe ich etwas verpasst? Müsste ich nicht etwas aufschreiben? Oder ist das zu viel? Wo ist der nächste Blick? Ich folge dem Volk: Beschleunigung: Ich nehme keine Zeit, ich renne: Verloren wie diese Landschaft: Flackernd, vereinzelt, vernebelt; trage alles an mir: Uhr, den Puls, Smartphone, Schritte, alles gelistet, den Herzschlag, visualisiert, alle Atemzüge, ich atme zu schnell, zu schnell, zu schnell, zu schnell? Der Herzschlag der Zeit schlägt auch im Revier, die Rasanz als Echo der Epoche schallt von allen Wänden: Was braucht es Berlin? Ich suche das Starren, einen Baum, eine Bank, einen Bordstein – ein Witz: Kontemplation? Rast? Ruhe? Fuck it, nichts, nichts davon fasst mich an! Also wieder auf die Straße rennen und alles wahrnehmen wollen, rein in die unbändige Urbanität, Brutalität des Nachvorne-Drängens, nieder mit dem Stillstand, radikales Jetztimmer, höher, schneller, weiter, rennen, wahrnehmen, festhalten, los, losloslosglotzen:

Autohäuser, Schnellstraße, Tankstelleneinfahrtbeschilderung, gräulich und trist, Waschstraße, Benzinpreistafel, waswaswas: falscher Weg! Umkehr: Straßenseitenwechsel, Bahnbrückenübergang, -Untergang, Fresstempel, All-you-can-eat-Restaurant, Sportanlage, Tennisplätze Tartanbahn Fußballfeld eingefasst und ackerig Universitätstürme am Horizont Miniaturen an Miniaturen weiter: der bmw mit der viel zu vulgären musik, strich bäumchen in der straßenmitte straßenbeleuchtungen schummrig orangefarben die kreuzung abbiegen geradeaus weiterweiterweiterrennen machwasdraus: die werbeplakate zu meiner seite seitenstreifen radkappe fahrstreifenbegrenzungslinienautoverstreifen weggeworfenezigarettenkippenzigarettenkippenschachtelwerbeplakatmöbelhausessenfastfoodtempelvögeltaubenpfiepfiepfiepbumm, ein Eichhörnchen hastet in Sicherheit, stolpert, es stolpert und fängt sich

Moment.

Ich halte inne  

staune.

Wann habe ich das letzte Mal über etwas gestaunt?

Das Eichhörnchen stolperte in die Hecke und mein Blick kehrt zurück: Ein gestolpertes Eichhörnchen am Straßenrand, ich habe es gesehen und der Stillstand kommt im Staunen. Autos auf der B224 verrauschen. Schnell, rastlos, schnellstraßenüblich, Autos wie geschmissene Steine über den See hüpfend, verschwindend und nichtig. Plötzlich nichtig. Ich setze mich, angelehnt an die freie Luft: Sacke nach hinten. Mein Puls ist viel zu schnell, ich habe meine Tagesdosis Schritte hinter mir. Dürfte ich jetzt noch laufen? Was will ich hier? Was woanders? Ich erinnere mich: Das Echo dieser Epoche, die rastlose Rasanz und das stetige nach außen getragene Fragmentieren des Ichs, Zerstückelung in Echtzeit und live und im Netz, Hektik, Tempo, vollkommene Zerstreuung des immereigenenselbstoptimiertenselbst. Ankämpfend gegen die Feinde: Müdigkeit, Stillstand, Wochenendgefühl, gegen Krankheit, Prokrastination, Durchatmen, Langsamkeit, Zufriedenheit, Faulheit, Warten, Ästhetik, Stillstand, das hatten wir schon: Dafür braucht es kein Berlin. Habe ich es nicht fast auf die Spitze getrieben? Alles, um jetzt im Gras zu liegen? Hier, an der B224, fühle ich mein bestes ich, meine vollkommenste Version, bis jetzt: Die optimale Anzahl der Schritte, der sich beruhigende Puls, mein Konsum an Ingwer, Kurkumawasser und Matetee ist perfekt; am Rand der eigenen Perfektion, der göttlichste Prothesengott bisher; Mitteendeanfang Zwanzig, randvoll mit Wissen, Studium, Mitglied einer grünen Jugend, Nachrichtenapps auf dem Schirm, Teil jeder Debatte, moralisch vollkommen, überheblich. Ich sehe nach hinten: Was gäbe ich für das Streicheln des Eichhörnchens? Und ich warte, verharre und denke: Die Perfektion ist doch die lächerlichste Lüge. Meine Hand auf dem weichen Abendgras, meine Hand auf dem Gras, ich ziehe die Beine an, am Ende ich, an der Peripherie der Perfektion. Ich fühle: Das weiche Gras, der Abendtau, das Windspiel meiner Locken. Augenverschlossen atme ich ein, ziehe Luft und könnte überall sein: Moskau, Tripolis, New York, alles gleich. Die B224 könnte überall sein, nur das Gras scheint weich wie nie: Ich fühle es, staune und das ist es: Die Rückkehr am Ende, zu mir.