Vororte

Die Vororte mit ihren Schattenmenschen. Wo das Pflücken der Heckenrose ein Kriminalfall ist und der fehlende Gruß keine Bagatelle. Der starre Blick der Städter ist das, was ich kenne, immermüde Pupillen, gedankengefrustet mit großem, verschnürtem Herz. Vielleicht rinnen sie auf dem Asphalt aneinander vorbei, aber das Ignorieren ist immer noch ehrlicher als jeder Morgengruß zwischen den gepflegten, gepflasterten Einfahrten der Vororteinöden kurz vor dem Türenschließen der SUVs.

Grüß Gott, aber sei nicht willkommen, wenn du in die Dunkelheit ihrer Stunden horchst: Kein Echo, nur weitere Gleichgültigkeit, ein Gruß des Nachbarn, ein schräger, müder Vogel, der über alles wacht. Wo Vorgärten als Visitenkarten gelten, wird die späte Liebe verspottet, die andere Liebe, die ausschweifende Liebe. Also liebt euch hinter Gardinen und verschlossenen Herzen. Im ersten Stock brennt noch Licht. Nicht für dich. Die Schatten der Uhren legen sich auf die Seelen und es dröhnt die Kirchturmuhr noch jeden Sonntag zur Pflicht. Abendstunde. Morgenritual. Gesichter mit falschem Lächeln tapeziert, man kennt sich, nicht. Man weiß die Autos zuzuordnen und die Parkplätze, heimliche Reviere vor den Häusertüren. Wehe, man muss dank eines Fremden fünf Meter laufen. Wehe. Wehe.

Also spute dich vor den Blicken der Nachbarn: Sie sind allgegenwärtig und gnadenlos, die schiere Weite ihrer Starrköpfigkeit beengt den Denkenden und Fühlenden, die Art Mensch, die sie auch gewesen sein könnten, bevor sie sich dazu entschieden haben, nur noch eine einzige Facette des Lebens auszuleben. Man vegetiert in seinem eigenen Lebensplan nach vorne, zwischen Traumhochzeit und Rosenkrieg, zwischen lauter anderer Schattenmenschen, nachtaus, nachtein, allein, man vegetiert zum Tod, alpgequält, allein es leben die Kinder.

Hier gleicht der Jogger einem Schwimmer im Toten Meer, zieht Kreise um sich selbst, immer um den gleichen Block, immer um den gleichen Block, den gleichen Block, wer holt ihn da raus? Wer sagt es ihm? Während hinter irgendeiner Haustür jemand seinen selbstgeimkerten Honig zum Verkauf anbietet, läuft er weiter. „Die Bienen waren fleißig“, steht auf dem Schild. Na dann mal weiter gemacht.

Erwachsene Menschen puhlen derweil Unkraut aus den Fugen, als sei das eine Lebensaufgabe und immer schneidet Trude irgendwo ihre Hecke. Die Häuser können nichts erzählen, Neubauten fernab von Leben und Geschichten aber mit Kaffeevollautomat bequem verbaut auf Augenhöhe. Schließ dich hier ein, aber lass die Tür leise ins Schloss zufallen. Zufälle verabscheut man hier und Eheworte werden gewechselt, aber erst nach dem zweiten Feierabendbier. Eine Wildblume, die nach Aufmerksamkeit giert, wird gerupft. Es ist erstaunlich, wie viele verschiedene Gerätschaften der Mensch entwickelt hat, um Pflanzen aus den unterschiedlichsten Wachstumsräumen zu hacken, zu pulen, zu picken, zu mähen, zu schneiden, zu vertikutieren, zu kratzen, zu sicheln, zu sensen, zu pflücken, zu zupfen, zu rupfen, zu reißen, zu brennen, zu ätzen. Trotz dessen ist der Todfeind die Schnecke.

So ziehen die Jahre über die Vororte her, die letzte Bastion des Spießbürgertums und des Sparbuchs, und die Belanglosigkeit ihrer Geschichten schminkt die Gesichter der Menschen fast froh. Man altert verbittert und schaut auf unerfüllte Träume zurück, aber man altert mit Pool in den geometrischen Gärten eines vorgeschriebenen Glücksversuchs; man altert mit Unverständnis fernab von Fantasie, man altert und was sich nicht ändert, ist der Unwille zur Veränderung. Man altert langsam fort in dieser Welt. Man altert fort und nein, wer will der Mensch hier sein?