Vor den Kastanien

Die Gastgeber vorm Restaurant: Eine Generation, die Sonnenschirme geöffnet bis zum Abendschluss. Sie trinken für jeden Gast, der kommt und für jeden, den sie nie wiedersehen, sie trinken und trinken langsam unter herbstroten Kastanien. Denn vor den Kastanien ist noch eine Welt. Dort gehen Familien vorüber, Betrunkene, junge Studierende und Arbeitslose, niemand, der genug Geld aufbringen möchte oder sie kennt. Trotz des Hungers, der wird woanders gestillt, trotz des Dursts, der in den Kehlen kratzt. Vor dem bürgerlichen Haus mit Kegelbahn scheint jede Morgensonne ein Verrat und in der Tat suchen sie eben jene, damit sich etwas lohnt. Damit sich das Aufstehen lohnt, braucht es fast Gewalt. Oder keine Alternative. Man hat vieles verschlafen: Umbau, Werbung, Speisekarten, der Mantel der Tradition, wärmt er nicht, er erstickt.

Und Großmutter spräche nun Gebete, sagt einer der beiden, Gebete, würde sie noch leben. Der Vater kratzt mit der Zunge das Pinnchen aus. Die Mutter rechnet Nullen gegeneinander. Bald kommen die Kinder zurück, denken sie, die spielen mit ihren Schüppen im Park, bauen Türme aus Sand, die mehr Zukunft besitzen als dieses Haus unter den Kastanien. Hier, wo ihre Liebe zueinander hält, ist ihnen Gast das schönste Kosewort. Abendschatten kriechen auf die Gesichter und der Tag fließt vorbei, die Minute, die Stunde, und Passanten setzen Schritte vorbei, die schmerzvoll wie Schüsse schlagen, als drinnen dem Zapfhahn der Hals umgedreht wird. Vorbei. Es wird auch heute keiner mehr kommen; hier stoppt keiner, der sie nicht kennt, die Zukunft ist ein Wassergraben, ein Hindernisbalken, rot-weiß-gestreift wie eine Schranke. Hier droht ein Fallen. Und dann?

Eine Pizzeria, ein Dönerimbiss. Ein Wohnhaus, eine Arztpraxis, ein Kindertagesheim. Sie schreiben das auf leeres Kellnerpapier, Marke Stauder. Knüllen es zusammen und ertränken es im letzten Bier und sagen: Morgen?

Und keiner wusste, wer hier zuerst gelogen hatte.