Auf die Provokationen des Jugendlichen wollte ich nicht einsteigen. Der machte sein Ding, mit Spraydosen an den Plakatwänden dieses lächerlich kleinen Tunnels und warb für all das linke Zeug, das mich komischerweise kalt ließ. Nicht aus Ablehnung, nein, es fasste mich nur ganz einfach nicht mehr an. Dem jungen Mann fiel mein Blick auf, er fragte, für was ich stehe. Eine gute Frage, nein, keine gute Frage. Aber nur, weil ich ihm sprachlos gegenüberstand. Ich sagte: Für… und der heranrauschende LKW verschluckte meine Worte. Ich fragte, warum er hier Parolen an die Wände schmierte und er hob die Spraydose, schüttelte seinen Kopf. Nein, nicht nur hier, und dann deutete er in die Ferne, die Straße abwärts. Man muss kämpfen, sagte er und ich verstand ihn nicht. Seine „Kunst“, wie er es nannte, bestand aus markigen Sprüchen und verzierten Buchstaben. Ein O als Handgranate, ein U als Pokal und ein V als Herz. Da lag keine Poesie in dem Werk, jedenfalls nicht für mich. Die Schwanenschreie kamen mir wieder, als hallten sie in meinem Hinterkopf noch nach, ein Echo vergangener Gefühle. Ich verstand es nicht. Aus einer kleinen Musikbox, die wohl im Rucksack stecken musste, hörte er 90er Rap. Das kannte ich noch von früher, das verstand ich wohl.
Es gehört dir doch gar nicht, und ich deutete auf die Plakatwände. Er nickte. Genau. Genau, das gehört denen da oben, und deshalb muss es gemacht werden. Wer sagt das? Alle sagen das. Alle? Alle bei uns. Bei den aufrechten Leuten. Schau doch, all die Plakatwände sind nur ein Symbol des Kapitalismus. Das muss doch bekämpft werden. Zeichen, weißt du? Ich nickte, aber nur leicht. Seine Sätze klangen wie auswendiggelernte Gedichte. Er sagte: Willst du auch? Nein. Ich sagte, ich wollte bereits ein Zeichen setzen und es ging schief. Ich sagte, ich wollte mich umbringen, aber jetzt stehe ich hier. Er nickte. Das S wurde ein Blitz. Das A ähnelte dem Thyssen-Krupp-Logo, recht entfernt, aber man verstand. Ich sagte, ich habe aufgegeben, zu kämpfen. Ich stand an seinem Werk und laberte los. Er sprayte und hörte vielleicht zu, vielleicht aber auch nicht. Aber das war mir egal. Das komische ist, sagte ich, dass ich keine Schmerzen spüre. Ich müsste mich kaum bewegen können, aber ich spüre nichts. Vielleicht bist du ja bereits tot, antwortete er ohne einen Anflug von Ironie und ohne Witz. Wir schwiegen und der 90er Rap und die vorbeirauschenden Autos spielten ein Duett.
Als er seine Dosen zusammenklaubte, warf er Blicke über die Schulter, die Hauptstraße runter. Der traut sich was, staunte ich, während nun Dose um Dose in seinem beigen, abgeranzten Rucksack verschwand und der Rap noch dumpfer klang. Leichthändig hob er sein Fahrrad am Rahmen auf. Er sagte, meine Mutter, die hat sich auch umgebracht. Also endgültig. Tabletten. Ich habe sie gehasst, in dem Moment, als ich sie gefunden habe. Ich habe sie gehasst, weil sie mich allein gelassen hat. Die aufrechten Leute lassen einen nie allein. Denk daran. Ich nickte wiederum. Er sagte, sie hat mir auch nie sagen können, für was sie steht. Aber, sagte er noch, bevor er die Beine über die Rahmenstange schwang, du erinnerst mich nicht an sie. Sie hatte keinen Blick für die Kunst.
Und wie ein Schüler im Museum stand ich vor seinen Parolen, und als er in die Pedale trat, starrte ich noch immer an die Wand. Kunst. War das Kunst? Bunte Parolen, Buchstaben, Symbole – politische Findigkeit? Wo war die Schönheit? Ich mochte den Jungen, aber nicht das. Nein, ich verstand es nicht. Mit Sicherheit hielt er mich nicht für normal. Wahrscheinlich dachte er das gleiche über sich. Wer hatte nun recht? Ich legte eine Hand auf die frische Farbe. Ich roch. Ich schmeckte sie. Alles neu. Ich dachte: Ich bin verrückt. Das war um zehn Uhr. Der Jugendliche wurde in meinem Augenwinkel immer kleiner, bis er abbog und verschwand. Ich blieb nachdenklich an seiner Kunst zurück.