Unperfekthaus

Kunst über Kunst. Auf jeder Etage.

Menschen träufeln aus dem Tag durch die Tür, gedankenschwerträumend – rasch – rasch – rasch, alles muss immer schnell gehen, schnell verwirklicht, schnell veröffentlicht werden, doch wirklich etwas werden, wird hier keiner. Müde wird man, ja müde und etagenweise stapeln sich Hoffnungen unter ungelesenen Bücherleichen, dem Entschluss zu schreiben, geht das Lesen voraus, doch die Schreibenden haben sich vom Lesen längst entfernt. Mehr Künstler als Betrachter in einer Welt, in der jeder Mensch nach außen lebt, lebt das Innenleben wie hinter Spinnenweben, verstaubt, verstirbt, vergeht. Beginnende, endende Karrieren, der Handwerker arbeitet sich hoch, das Genie arbeitet sich ab an seinem Talent, ab nach unten. Und am Buffet ist noch Suppe da und Brot und Kapitalismuskritik und Schuldzuweisungen und Schuldabweisungen von sich selbst. Aber man versucht es weiter.

Das Buffet ist also gut, die Aussichten schlecht: Ein Wahrzeichen des entfesselten Kapitalismus vor dem Künstlerhaus – Konträrfaszination. Schreib das auf! Ruft ein Faltengesicht und nickt und nickt und nickt: Vernetzung der künstlerischen Avantgarde – meist ein laues Lüftchen, kein Sturm, keine Aktion, die linke Kunst ist zahnlos geworden, sagt Faltengesicht mit einer Taubenfeder im Haar über seine Suppe gebeugt und er löffelt und löffelt und löffelt. Früher hätten wir das Einkaufszentrum besprayt, sagt er, und Hundekot in Tüten gefüllt, und nein, wahrscheinlich nicht. Aber den Gedanken daran hätten wir gehabt und vielleicht auch eine Tüte.

Eine Etage weiter oben drückt ein Mittedreissigjähriger seinen Pinsel in die Frau, Selbstportrait der scheinbar woken Zunft, ein Anfängerfehler ein solches Werk. Und werkeln tun nur die anderen, man selbst schafft: Er sagt: Wir sind alle Überzeugungstäter, alle Überzeugungstäter für das Richtige. So fährt er fort.

Und was ist mit Freundschaften? Flüchtig geschlossen halten sie hier, solange keine Konkurrenz entsteht, in den Phasen der Erfolglosigkeit, vielleicht im ersten Rampenlichtschatten, dann hört es auf. Das ist nicht perfekt, aber vielleicht menschlich. Perfekt ist immer nur der Gedanke an die Zukunft, nie das Leben selbst, ruft ein dichtender Dichter in die Runde der Satten und Dummen und blickt mit dösigen, rötlichgeweiteten Augen durch die Gesichter. Kein Kommentar auf Etage zwei.

Aber so ist es nun einmal, alles unperfekt. Das Ruhrgebiet ist unperfekt, die Texte und die Botschaften, die Zeiten und die Menschen sowieso. Das Klima ist unperfekt und das Wasser im Swimmingpool und in den Brunnen in Afrika. Der Fußball ist unperfekt. Und Twitter. Und Merkel. Und die politischen Ansichten der Politiker jenes Kontinents und jenes und jenes, und über die Jugend brauche ich gar nicht erst sprechen; genickt, genickt, genickt. Der Autor ist so lange tot, der steht schon bald wieder auf, und wie lange darf Satire noch alles, und darf man im Theater schon wieder glotzen? Eine gebrechtigte Frage, sagt Taubenfeder, der plötzlich wieder auftaucht in die Runde der dichten Dichter. Kein Kommentar. Weiter nach oben, bis aufs Dach, wo auch keiner mehr ist, irgendwie zieht es dich doch auch dorthin. Wie jeden.

So ist auf jeder Etage etwas Neues und unter dem Himmelgrau graut es dir vor deinen alten, eigenen Zielen. Gedanken, Stile, die Mischung macht was denn genau aus dir, aus dir hier oben, aus deiner Kunst? Fragst du dich und einer zitiert Goethe, irgendwo auf Etage drei, und erhält nichts als Unkenntnis, das Echo der kompetenzorientierten Zeit, in der man keinen Spaß mehr versteht, nur weiß, wie man ihn verstehen könnte, doch bis dahin ist eine Pointe längst verraucht wie Wissen. Natürlich lacht man nicht. Eine witzlose Zeit, eine ernste Zeit, auch hier im scheinbunten Künstlerhaus. Zwischen Narzissmus und Hoffnung, zwischen Kritik und Kapitulation, zwischen ewigem Lobhudeleien auf Durchschnittskunst, wo ist hier etwas, das bleibt, das überdauert, das Menschen nachhaltig bewegt, bedrängt, provoziert und prägt – auch über die Ruhrgebietsgrenzen hinaus. Ja, die Ruhrgebietskunst begnügt sich damit, das Provinzielle auf den Höhenkamm zu heben, in der Kneipe und der kleinen Buchhandlung nebenan. Das ist ihr Wesen. Das ist das große Unperfekte an dieser ihrer Zeit.