„Vollkommene Zerstreuung“, klagt der Statistik-Dozent kopfschüttelnd über die Menschen. „Nach der dritten Vorlesung Statistik verlieren angehende Psychologen vor lauter Zahlen den Menschen aus dem Blick“, sagt die Soziologin am Tresen und der Medizinstudent erhält nebenan einschneidende Erkenntnisse, spätestens nach der dritten Packung Ritalin. Alles schweift ab: Dem Ingenieur ist nichts zu schwör, kein einziges Glas und kein Ego, ergo sieht man ihn mit den BWL’lern am Tresen zusammen-brechen wie das (B)W-Lan auf dem Campus. Der Geograf ist auf der Suche nach seiner Geogräfin, sorry für das schlechte Wortspiel, entschuldigt sich der Erstsemester-Germanist, der gar nicht weiß, welchen Roman er bald als erstes wieder vergisst; „Falschbehauptung“, klagt die Juristin ihn an: Fürs Vergessen müsse er erst einmal lesen – klassische conditio sine qua non, Beweisführung: Fünf Jahre Bachelor-Master, unbelesen ins Lehramt; und der Lateinlehrer sieht sich bei den Worten bestätigt, dass er noch dazu gehört. Betrunken testet die Physikerin die Gravitation am eigenen Leib und der Theologe freut sich, dass er den Wein nicht mehr teilen muss – bis ihm da die Künstlerin einen (Pinsel-)Strich durch diese Rechnung macht. Der Mathematiker trinkt sich Brüche ins Gedächtnis, nachdem sich er und seine (Ex)-Freundin auseinanderdividiert haben. „Und was sitzt die da die Zeit ab und reagiert auf nichts“, klagt der Wirt die Chemikerin an, die in die Kerzenflamme starrt, schon seit Stunden und keinen Umsatz mehr bringt. „Mon Bour-dieu“, sagt die Soziologin, in der Hoffnung, den französischen Austauschstudenten zu beeindrucken, „was geht mich das an?“ und bestellt sich noch einen Rotwein mit Augenaufschlag. Der Franzose, der eigentlich ein Pole ist und Piotre heißt, wirkt peinlich berührt bei all dem Treiben und zieht schnell weiter. Der Nachrücker ist ein kalksteinweißer Geologe, der aufgewühlt erläutert, dass er kein Archäologe sei, obwohl ihn das natürlich niemand fragt. Die Komparatistik-Studentin vergleicht die Feier mit vorherigen und kommt zur Erkenntnis, dies sei die schlechteste Party seit 20 Jahren. Mit Ende 30 müsse sie sich so etwas wirklich nicht weiter antun. Eine schüchterne Person, die Philo-Sophie, steht derweil unbeachtet in der Ecke, wirkt seltsamerweise schon seit der Dämmerung äußerst inaktiv. Gezeichneter vom Alkohol stellt sich der Architekturstudent nur noch als Arschietekt vor und allein ein Archäologe nimmt den Spruch in sein Repertoire mit auf, fast findet er ihn lustig. Der Biologin wächst die Situation über den Kopf, ihr Magen krampft und sie fühlt sich hundeelend. „Schmerzen? Das Essen? TU’s DOrt weh?“, sagt einer und greift zu ihr herüber. „RUBsala! Wollte dich nicht belästigen“, doch da hatte sie ihm schon eine gezogen, wohl eher für das schlechteste Wortspiel an diesem Abend, weniger für die Hand an ihrem Pullover. Eins zu null, kommentiert der Informatiker emotionslos und sein Kumpel der Mathematiker stimmt ihm zu: „Damit musste er rechnen.“ Der Abend neigt sich dem Ende. Von den vielen Körben betrübt, schleicht sich ein Sportstudent einsam aus der Szene. Auch der Medizinstudent sucht sein Heil auf dem Heimweg, ein Anglist angelt sich einen letzten Drink und auch die Maschinenbaustudenten maschie(nen)ren lallend nach Hause. Hinter ihnen verriegelt der Wirt die Tür. Bis zur nächsten Feier. Bis zum nächsten Tag. Morgen Abend der letzte Freitag im Monat.