Straße nach Süden

Ich wusste, dass ich dafür hochging: Um die Erkenntnis zu fühlen, zu wissen: Das wird es gewesen sein. Hier, auf der Brücke nach Norden, unter mir die Bahn, Blech an Blech an Blech an Blech. Alles, und alle mit B und Sterne werden langsam angeschraubt ins Schwarz. Betriebsamkeit in den Abend, Bewegung zur Nacht: Das Ruhrgebiet schläft nicht, es duselt, es döst, es dämmert nur bis ins Morgenleben. Jedes Kennzeichen ein B. Bist du es, die dort fährt oder schlummert oder träumt, von mir? Lächerlich! Und Traurigkeit schleicht sich in die Abgasluft und nichts weiter mehr über den Dingen der Realität und unter dem Glauben der Gewissheit: Du bist keine von ihnen. Du warst nie bei mir.

Um sieben Uhr packte mich noch einmal die Sehnsucht, trieb mich über den Bordsteinrand auf die Brückenstufen in die Höhe, Einsamkeit über den Bewegungen des Abends: Gefühle und Gedanken, ständiges Fühlen und Wissen: Das war es nun. Das war es nie. Die Brückenschlucht ist nicht die Brückenschlucht des Morgens, aber schön ist sie auch, und tödlich-tief und doch nichts mehr für mich. Meine Finger krallten sich kalt ans Geländer: Nur um diese Augen noch einmal zu sehen, lohnte sich das ganze Wandern und Umherstreifen und Versuchen, ich würde es wieder tun. Nicht für die ganze Industrie, die Gebäude und Straßen, die Denkmäler und Wäldertiefen, all das Hintergrundgelebe um mich herum, die ganzen Miniaturen, Miniatureindrücke, expressive Lebensimpressionen und das ganze Fassaden-Sein eines jeden Alltags, nicht für all das war ich weitergezogen; nur sie. Sie war es, und nie, nie niemals sie bei mir und jetzt stand ich hier allein auf der Brücke nach Norden, wo alles fortfuhr und lautstark verging, ich sagte: Das ist okay. Mit halbgeschlossenen Augenliedern stierte ich in die verspiegelten Fensterscheiben, die wechselten, die wechselten, die roten weißen Lichter, weiß und rot und rot und weiß; und dann ließ ich es los. Sie würde erfolgreich werden, sie würde etwas werden in Berlin. Ganz sicher. Aufbruchsstark, aber wieso nicht hier? Wieso nicht ich. Es reichte doch jetzt und mit der flachen Hand auf das kalte Geländer geschlagen, es reichte doch. Ein, zwei Mal, dachte ich, sie zu sehen, in den Scheiben unter mir und überall in den Wolken. Zufallstreffer an einem zerklüfteten Ort. Wieso rannte ich diese Augen ein, die ich nur einmal gesehen hatte? Der Autobahnlärm zu meinen Füßen, fernab einer Symphonie, über mir die dämmerungsroten Wolkendinger, was war es noch gleich gewesen? Ach ja, die Liebe. Die vergrub ich fast, fast fest in der Erde unter meiner dünnen Brust. Wieder hochgefördert. Aufgeweckt aus der Kohlenacht unter meinen Rippenbögen, es gibt sie und Schlag auf Schlag, gibt sie weiter. Neue Blicke, so gesehen, und diese scheiß Tränen gehören hier nicht her und natürlich gehören diese scheiß Tränen jetzt hier her, wo der Neuanfang auf den Abschied trifft, treffen Tränen auf Asphalt. Dann gehe ich von der Brücke und hier beginne ich wieder und weiter und neu. Und endlich neu.