Straße nach Norden

Weiß und Rot. Da sinkt der Himmel auf die Straße, laut und grau küsst die Autobahn die Wolken und ich stehe über den Dingen. Rotes Zischen, unter mir, fort in den Horizont und Weiß strahlen mich die Augen auf der anderen Seite an. Da ist kein Leben, dahinten, und vorne kein Glück. Die Brücke knirscht, schaukelt als sei sie zerbrechlich und die Hochspannungshinweisschilder erwecken in mir den Eindruck, als könnte es bald gewittern; schwarzer Blitz auf gelbem Blech.

Geh jetzt,

sagt eine Stimme zu mir,

geh jetzt

und kauf deine Freiheit zurück.

Ich nicke und blicke auf die Straße nach Norden, der gleiche Blick wie früher, nur anders geworden, so wie die Welt. Das Geländer fließt blau durch den Abendhimmel, ausgekühlt und matt blättert Lack im Wind. Ich knibble an einem der Fetzen, löse ihn wie selbstverständlich ab und er schaukelt durch die Luft hinunter, wird erfasst von dem weißfahrenden Licht und wieder hochgewirbelt, in die Luft und es fällt und es fliegt und taumelt zum Schluss zu Boden.

Groß und kalt taucht die Sonne die Welt in beruhigende, viel zu roten Abendfarben, Wind weht leichenwarm über meine Haut. Ich sehe Autoblicke und wende mich zurück zu den Schlieren, als müsste ich kontrollieren, ob sie noch da sind – was sie sind, natürlich sind sie es und rotleuchtend fahren sie fort. Dahinter, nicht ganz weit, wartet die Welt, die wahnsinnig schiefen Stadtsilhouetten, fremd und fahl wie gelogen warten sie am Herbsthorizont.

Ich stehe still, starre nach Norden, hier, fremdgeworden, und trage mein altes, weißes Hemd nur noch mit Stolz. Das passt nicht mehr, denke ich, da sind zu viele Flecken darauf eingegossen, schmierigschwarz wie Kohle sind sie darauf eingegossen, doch ich werde es mit Stolz tragen, bis zum Schluss.

Warte nicht mehr, sagt meine Stimme schließlich, während ich festgefroren in der Ferne meinen Blick verschweifen lasse. Die Welt, und das weißt du, braucht die anderen, gehört den anderen, ist die der anderen und dir nichts weiter als ein verrätseltes Bild. Du stehst hier bloß in deinem alten, weißen Hemd, mit den schmierigschwarzen Flecken darauf eingegossen, dir selber fremd – und ich nicke und ich warte und warte und weiß, dass das Warten für einen wie mich für immer bleibt.

Und am Ende schwinge ich mich in die Luft. Meine Finger greifen vom Blau in den Wind, und dann taumle und segle und fliege ich, bis zum Schluss. Bis die weißen Lichter auch in meinem Gesicht zu leuchten beginnen und dann, himmelrot, für einen letzten Augenblick, auf der anderen Seite verschwinden.