Standstreifenblicke

Nachdem der Reifen explodierte, trauten wir uns an den Rand der Brücke. Du sagtest, dass du noch nie am Abgrund standest und ich zerrte dich zum Zaun. In unseren Rücken die vorbeirauschenden Autos der 52, Lastwagen, Motorräder und dann begannen einzelne Hupen zu schreien: Halt! Das Leben ist zu schön.

Wir lehnten uns an die Stäbe, die hatten sie bereits erhöht, wir drückten zitternd gegen das Metall, 65 Meter über der Erde. Mir schwindelte es. Der Rausch der Tiefe griff in meine Brust und gehalten von Zaunstäben hielt meine Hand deine Finger und mein Kopf den Atem an. Unter uns floss die Ruhr, eingebettet in braungrüne Wiesen, Wälder und Felder, ein Tal von der Jahrhundertdürre geprägt, der schlimmsten seit einem Jahr. Flussauen träumten von Wasser, die Ruhr wie eine feine blassblaue Narbe in der Natur und in meinen Augenwinkeln buckelte sich die Landschaft auf.  Ich legte meine Hand auf deine. Ich lehnte meine Stirn an den Zaun. Wir konnten die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, sagte ich, wie viele Menschen hier wohl schon standen? Selbstmordbrücke. Braungrüne Finsternis der Tiefe, eine verirrte Taube im Himmel, Sirenen der Ruhr, so laut. Wir schauten in den Abgrund und niemand hätte widersprochen. Hinter uns schrie ein Mensch und ich zog dich zu mir, küsste dich im Höhenwind zum ersten Mal. Selbstmordbrücke und der Zaun trug dünne, spitze Stacheln wie Sägeblätter sah das aus. Und zum Schluss gingen wir ins Auto und in meinem Magen explodierten die Gefühle. Du hieltest meine Hand. Wir atmeten wortlos mit Blick über das Ruhrtal, mit Blick über den Abgrund der Brücke und ohne Worte zu verlieren, holperten wir auf dem Standstreifen nach Hause.