Ich sehe die alten Fregatten vorbeiziehen und die faltigen Säcke. Es ist Herbst und die Luft stinkt nach Verwesung und Lachen und bei den jungen Frauen bin ich längst aus dem Rennen; nichts neues, nichts neues. Kinder rennen an mir vorbei. Eine junge Familie setzt sich neben mich, die Kleinen sprinten zur Schaukel, zum Sandkasten, ins Lachen, Leben und ich sage: Nein, ich habe kein Feuer mehr. Nein, ich lese hier nur. Ich sitze jeden Tag auf dieser Bank. Im Hintergrund die Wohnhäuser. Im Hintergrund die balkonbesprengten Fassaden, keine Zechensiedlung: Neubauten mit Kasernencharme. Sie lehnt sich an ihn, der sich wegdreht von ihr und ich denke, sie sollte zu mir. Früher war das hier ein hübscher See, sage ich, obwohl sie es gar nicht wissen wollen, und ich sie störe, ein See, in den alle gerne eintauchen wollten. Mit dem Kopf zuerst. Nach der Arbeit, zur Entspannung, zur Entspannung… Ich drehe mich den beiden zu und die nicken, glückliche Menschen nicken nicht, denke ich und schließe die Augen, und das Kindergeschrei aus. Die gehören nicht zu mir. Unwillkürlich fasst meine Hand nach rechts, zu ihr… Früher war das ein kleiner See, denke ich und suche nach den Ufern in meinen Erinnerungspfützen. Warum haben sie den dicht gemacht? Vielleicht gekippt. Sie nickt und kuschelt sich an ihn, der noch immer die Ferne sucht und stinkt. Wahrscheinlich stinkt er. Der See war lebenshell. Zog sie alle an. Die rußverschmierten Arbeiter, die starken und die schwachen. Doch am liebsten die Frauen. Sie liebte der See. Die Haare zusammengebunden wie ein Geheimnis. Doch die Jahre, sage ich, die Jahre nehmen auch dem schönsten See die Kraft. Dann kommen die anderen. Jetzt spielen die Kinder. So ist es vielleicht ganz recht. Es werden neue angelegt. In Altendorf, habe ich gehört, ein neues Highlight.
Mittlerweile hat er sich eine anstecken können. Die Rauchwolken kitzeln meine Nase, aber ich sage nichts. Ich habe nie geraucht. Aber der Mann. Der Mann hat gestunken und ich habe ihn nie geliebt und ich weiß, dass ich niemand besseres hätte heiraten können. Kalter Rauch. Lachende Kinder, die spielen. Ich habe keine Kinder, sie wären der endgültige Betrug, beinahe sage ich das laut. Der alte See. Der Sandkasten. „Gefühle taugen nichts, wenn sie zur falschen Zeit geboren werden. Lassen sie sich das gesagt sein“, sage ich laut, „sie scheinen eine tolle Familie zu sein.“ Da lächeln sie beide. Ich nehme meine Zeitung und verlasse die Bank. Ich sage: „Aber wenn du ihn verlässt, denke an mich“ und fühle mich seltsam arrogant und müde. Sie blicken beide auf zu mir und ich sehe runter zu ihnen und nun lächle ich. „Einer alten Dame“, sagt sie viel zu freundlich, „kann man doch keinen Wunsch abschlagen“, und versteht natürlich nicht, wie ernst ich es meine. Nur er ahnt es. Nur er sieht mir in die Augen und raucht und nicht weit von uns spielen die Kinder. Im Sandkasten. Auf den Wiesen. Bunte Herbstblätter fallen und ich gehe und drehe mich nicht mehr um.
Ich weiß, dass ich keine Zeit mehr habe, keine Zeit mehr, nur herumzustehen, keine Zeit mehr nur zu sagen: Das wird schon, da wird jemand kommen. Und ich habe keine Zeit mehr, dem alten See hinterherzutrauern, der längst verlandet ist, Landfalten, jeden Tag tiefer und mehr, und schöner sind die anderen Landschaften und anziehender sowieso. Ich verlasse die Szene und drehe mich nicht mehr um, ich weine. Ich weine, weil ich weiß, dass ich bald sterben werde. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist, und das sage ich laut, „zu wissen, wie es war, und zu sehen, wie es ist. Egal, wen man liebt.“ Und damit muss ich leben, denke ich, bis zum Schluss.