Schulen

Die Schulfassade splittert – blättert – verfällt, ein Lückentext des Staatshaushalts. Mein Vater hat mir immer davon abgeraten, Lehrer zu werden, er sagte: Wo Städte Schulden tragen, bröckeln Bildungshäuser zuerst. Nun, jetzt kann ich sagen: Willkommen in meinem Revier. Vergraute Gänge, Linoleum, verstrichene Wände, rau und nur eine Erinnerung an Weiß. Schulhof im Gefängnisgewand und Lehrer wie Wärter, schleichen stoisch stumm durch die Pausen. Den Unterschied machen die Kinder, das Rennen und Spielen und Lachen. Ich sehe auf den Schulhof und erinnere mich: Freunde, die Sammelkarten tauschten. Zwei Mannschaften mit einem Fußball und die Raucher in der hinteren Ecke, fast heimlich. Gestern wie heute: Das Modernste bleibt die Eiche, die am Schulhofrand wächst, die kitzelt fast die Wolken. Man hat ihre unteren Äste gekappt, damit die Kinder nicht spielen, als hätte man Angst vor einem Verbrechen. Noch immer beschneidet man sie einmal im Jahr.

Ich erinnere mich: Meine Tafelschrift war gut und ich kann sie heute noch gebrauchen. Ich erkenne alles wieder, den neidvollen Blick der Kollegen zu den Bürogebäuden ohne Kopierkontingent, die moderne Technik: Das sogenannte W-Lan. Sogar den Hausmeister, der gerade mit einem Schüler spricht, kenne ich noch von früher, dort am Ende der Treppen stehen sie einander gegenüber, als könnten sie sich verstehen. Der Schüler klagt, der Hausmeister nickt, worüber? Wenn zwei unterschiedliche Generationen über die gleichen Probleme klagen, liegt es am System, denke ich und weiß: Hier wird keiner eine Revolution beginnen. Jedes Aufkeimen würde in Bürokratie erstickt und ersticken. Beamtenstrukturen. Und die Gewohnheit wärmt noch immer und kalt ist der Hauch von Veränderung. Man zittert nicht gerne. Dieses verdammte Zittern halt, doch vielleicht kann es die Aufregung eines Neubeginns sein, nicht die Angst vor Verlust. Hier im Revier, wo das Neubeginnen doch erfunden wurde. Ich hoffe, mich auch daran einmal erinnern zu können beim Blick auf die Eiche des Schulhofs, und hoffentlich vor dem Ende meiner Schicht.