Mit neuem Geist auf alten Straßen schweigen, schwelgen, spazieren, flanieren, hetzen und hasten, ziellos, planvoll, Seitenwege, Schotterpisten, hartergetrockneter Matsch und Grasgedeck. All das: Kanalbegleitet und Schienenadern nach Norden-Süden. Dunkle Trasse, da kam ich her, dahin ging ich zurück. Kurz vor acht. Ein Radfahrer, mein alter Fußballtrainer, der alte, verlassene Ascheplatz, ein Tesla, ein SUV, ein E-Roller mit Doppelbesatzung. Straßenbahnschienen, Busfahrplan und Autohaus. Kioskbude. Bäume. Blätter, Wolken und Wolken und Blätter und Bäume. Der Blick nach oben kehrt zurück. In mir regte sich ein Plan: Lyrik. Prosa. Drama. Im Leben leben. Ja ich will. Gefangen in sich laufen, nein, da war doch etwas. Bilder, Eindrücke und Aufnahmen: Geräusche und Worte und Gerüche und Bewegung und Stillstand von Mensch und Maschine und Tier und Pflanze und all dem ewig raunenden, dauernden dazwischen. All das aufschreiben und filterlos auf Papier und Smartphone und immer noch mehr, weiter, es endet nicht, nein, es ändert nichts am Faktum des Wandels und natürlich muss einen das irre machen und irre glücklich sowieso. So könnte es angefangen haben.
Aus der Zukunft sage ich: Ich hatte das nie geplant, aber ich habe das einfach getan. All das Mischen mit Erinnerungen und Leben. Alles rauswürgen, wiederkäuen und formen und streichen und ändern, mit Musik und Film im Hintergrund und auf Papier, und dann weg damit und her damit, ändern und verformen, feilen und verwerfen, nie Genie und immer Arbeit. Immer mehr, immer neu, am besten, dort, wo ich heute das Gegenteil gesucht hatte: Nie wieder etwas zu sein. Genau dort. Ich war nicht tot wie dieser Raum, und das muss man doch erkennen. All die Polyphonie. All die Stimmen und Geschichten. Ein Mosaik flimmernd in furchtbar schönen Farben, firmierend unter einem Fackelwort, aber ein Zusammenlegen, ein Nebeneinander zu kreieren reicht doch nicht, es braucht Textur, eine Linie, die man verfolgen kann, um zu verstehen: Alles ist Struktur und Wandel. Und es braucht die verdammte Schönheit, nicht nur ein Abschreiben der Welt, nur das scheiß Problem ist halt: Was ist denn SchönheitÄsthetikPoesie? Wo sucht man und wo findet man? In Gedichten und Geschichten sowieso. In Songtexten und wortlosen Symphonien. In Gesprächen auf den Straßen und zwischen den Geräuschen der Stadtlandschaften, Göttergebrüll in den Gassen. Und in einem selbst. Die Antwort lautet ja und immer wieder neu aufs Neue: Schaffen und Scheitern. Anderes geht es nicht. Und vielleicht hat das ja doch geklappt, nur wer ist da, zu urteilen, wenn es eh keiner bemerkt, wenn eh keiner bemerkt, dass da etwas ist? Ich springe zurück:
An dieser Ecke habe ich geweint. An der Bude getrunken. An der Straße gestritten und auf dem Platz geträumt. Dort mit dem Hund, dort mit der Liebe; dort hinter allen Erwartungen geblieben, gedankenverprügelt, dort vor allen Wünschen geflüchtet, gefühlsbetrogen. Viel mehr nicht gesehen, als erlebt, vieles verraten und liegen gelassen, wo es jetzt unbeschrieben meckert: Ich bin auch noch hier! Ja, so vieles ist auch noch hier und morgen mehr als heute und in der Zukunft sowieso. Unperfekt, alles unperfekt, die Welt, die Miniaturen, die Kunst als ganzes sowieso und ich. Deshalb kann man einfach machen, anfangen und weiterweiterweiter. Narbenwasser tröpfelt mir ins Gesicht, himmelab. Ich stolpere über deine Wunden, Ruhrgebiet. Singe nichts. Spiele nichts. Weder tanze ich, noch erwarte ich anderes, schlage weiter Wortwunden in mein Herz und in den Verstand. Ich suche weiter und wonach? Also: Aufnehmen und leben und weiterweiterweitermachen. Vieles liegen lassen, doch vieles erleben und ich meckere nicht, wenn ich sage: Ich bin auch noch hier. Ich bin auch noch hier. Ich bin hier.