Rotierende Sonnen

Der Eingang am Straßenrandexil. Eingelassen in Häuserfassaden verlocken sie wie giftgefüllte Honigtöpfe. Wartend zwischen Sonnenstudio und Pizzeria, Abstellplätze abgeschiedener Existenzen, Heimat für jene, die ohne Heimat leben. Schlafsüchtige, die niemals schlafen. Traumtänzer ohne Hoffnung auf Erwachen. Die Paradoxie dieses Ortes zieht sie an wie das Licht die Motten: Hohe Hoffnung wider besseren Wissens. Es sind eingefremdete Glücksritter auf ihrem Kreuzzug in die Miesen. Hochdrücken vor dem Fallen. Sie ziehen am Hebel zum Glück, treten auf der Stelle, denn das Gesetz dieser Orte ist überall das gleiche. Das Gesetz dieser Orte ist Verlockung und Verlust.

Ein gar nicht so alter Mann stolpert in den Tag, er zündet sich im Eingang eine dünne Selbstgedrehte an. Schütteres, schwarzgetöntes Haar, das ihm traurig in den Rücken fällt, eine dünne, schwarze Sonnenbrille liegt auf der Raubtiernase über eingefallenen Wangen. Alles an ihm ist dünn, das Gesicht trägt ein Ausdruck so hoffnungslos wie der Gedanke, hier ein Glück zu finden. Er weiß es und kann es nicht lassen, kann es nicht fassen, manchmal in den Nächten voller Zweifel und Selbsthass, kurz vor dem nächsten Münzwurf. Nach der Zigarette klopft er dreimal an die Tür, bevor er zurück an die nie müden Automaten schleicht, deren kirmesbunten Lichter ewig zu tanzen scheinen im Zwielicht der dauerhaft gedimmten Deckenlampen. Mechanische Töne, modellierte Melodien im Ohr, abseits jeder Abwechslung herrscht hier die ewige Routine, herrscht hier ein sich nie wandelnder Takt und Ton. Zwischen den blinkenden Sonnen ist immer Nacht.

Vereinzelte Jugendliche versuchen sich derweil an den Künsten der Alten, wenige bleiben hängen, für die meisten ist es ein kurzes Intermezzo. Das sind die Lauten. Die Lebhaften. Keiner der Etablierten nimmt sie ernst. Aber die Jugendlichen erlauben ihnen ein Erinnern und mit gewürfelten Blicken werden sie ertränkt in der billigen Melancholie ihrer Gedanken, für die die blinkenden Automaten als Hintergrund ihrer eigenen Einsamkeit und Verzweiflung fungieren.

Natürlich wird sich hier beklagt. Eine dunkelhaarige Frau klagt über die Menschen und die Gemeinheit der Welt, sie klagt so vor sich hin. Seit Adam und Eva sei die Welt gemein und finster und verfinstere sich mit jedem Tag. Aber war die Welt nun gemein zu den Menschen oder die Menschen selbst schuld an ihrer Lage? Der Dünne stellt sich ihr zur Seite und nickt und wirft Münzen in die Schlitze. Es interessiert ihn nicht. In Gedanken ist er bei seiner Tochter. Acht Jahre und riesige haselnussbraune Augen, die noch über die Wunder dieser Welt staunen wollen. Er wird sie bald aus der Grundschule abholen, ihr rosa Pukyrad lehnt an der Tür neben rotierenden Früchten. Die Grundschule ist nur eine Kreuzung entfernt. Mittags würde ihre Hand wieder in seine greifen, sie umschließen und sie würde ihn umarmen, weil sie es noch nicht versteht. Weil er für sie noch der Held ist, der ein Vater sein kann, ein Held mit Sonnenbrille und langen Haaren, ein Held, der sterben wird mit dem Alter und ihrer Erkenntnis. Seine Existenz hat nichts Heldenhaftes, außer der Hoffnung auf ein Comeback. Er träumt von ihrem Lächeln über neugelernte Wörter und er wird lügen, dass er bei einem Nebenjob die Miete verdient. Die Gemeinheit der Welt. Die Gemeinheit der Menschen. Irgendwie hängt das doch alles zusammen, sagt er der Frau und bemüht das Glück. Verbleibende Minuten, verfließendes Geld. Doch keine Antwort und keine Reaktion, bloß die rotierenden Sonnen, sich wandelnde Zahlen. Sie stehen sich zur Seite. Sie schweigen sich an. Und jeder spielt für sich allein.