Weiß ich nicht noch genau, wie das hier war, vor der Natur? Eingepferchtes Wasser unterm Kanalgestankdeckel. Mama sagte immer: Fall nicht ins Wasser, die Strömung; genau, diese tückische Strömung. Diese Strömung gibt es nicht mehr. Leise flüstert ein Fluss, legt sich über Erinnerungen und die Blüten der Ufer. All die Vergangenheit musste sterben, all das Zurückblicken fiel mir jetzt in den Rücken und an diesem Abend floss die Nostalgie über meine Ufer, kein Fluss, ein Plätschern und Schwappen von damals zu mir wie ein Echo über dem Wasser her. Ich knibbelte einen Sticker der Heimatmannschaft ab, den ein Handballfan an den Laternenpfahl gepappt hatte und warf ihn ins Wasser, sah ihn treiben und verschwinden und dachte: So könnte eine Geschichte enden, so könnte meine Geschichte enden. Aber auf dem Laternenpfahl stand geschrieben: Abenteuer Liebesleben, und ich dachte: So könnte auch eine Geschichte beginnen. Zwei Fahrradfahrer, ein Junge und ein Mädchen. Krötenquaken über der stillen Straße. Das hier war noch immer Großstadt und grün war der dunkle Fluss und die Herbstliebe so schön, dass ich auf dem Rückweg einfach trinken musste. Ich legte die Flasche an den Zaun. Nein. Nicht betrunken, aber ein Bier musste sein. Ich schwörte, den Mond zu vergessen, mitten in der Nacht in zwei Teile zu zerbrechen und jetzt stand ich aufrecht am Fluss, der so neu war, wie meine Gedanken. Traurig, die Herbstsonne untergehen zu hören, ein flatternder, verhedderter rosafarbener Seidenfaden am Himmelschwarz und meine Seele im Nichts. Dem Regen zuzuhören, der plötzlich ein Liebesschlaflied sang, den Regen in weiter Ferne wissend. Hier blieb die Nacht heute trocken, die Haut der Kröten runzelig, sie hüpften ins Flussbett und ich rief beinahe: Die Strömung! Und erwischte mich dabei und musste leise lächeln, ganz leicht. Finster floß das Wasser Richtung Meer und all die Geschichten, die sich erzählt wurden, an diesen Geländern, die alles sind, nur keine Ufer, all diese Geschichten gehörten hier her und machten diesen Ort zu dem Stückchen Dreck und Liebe, der er heute ist. Kanallyrik, sagte ich, vielleicht ein neues und jetzt bereits untergegangenes Genre. Eingefasste, strenge Rahmen für die Worte, die sich natürlich nie nimmer nie reimen dürften und in einem so schön gleichmäßigen, monotonen Blocksatz gesetzt werden müssten, jeder Vers gleich viele Worte, ach was, Silben, wieso nicht, wieso?
Ich höre die Irren nicht, wenn sie mich rufen,
ich höre die Irren nicht, wenn sie mich rufen,
ich höre die irren nicht, wenn sie mich rufen,
sie irren sich, die Irren, wenn sie mich rufen.
Ich dachte: Vielleicht geht es ja doch mit mir bergauf und ein paar Steinchen rieselten hinab und platsch und fort gesunken. Die Uferbüsche würden bald das Ufer besitzen, die hässlichen, mit dem Lineal gezogenen, gemähten Grasflächen waren längst verschwunden, wie die Strömung, wie die Strömung, diese ekelhafte, unnatürliche Geschwindigkeit des Grauwassers. Flussbett, Bachlauf und Grünbewuchs, dieses Zukunftzeug, was ist denn schöner, als hier die eigenen Spuren zu hinterlassen, eigene Erinnerungen zu kreieren, das Säuseln des Flusses doch stets schöner als das Rauschen des Kanals um kurz nach neun und ich dachte das und wollte doch seine Geschichten nicht vergessen, die Strömung im Hintergrund meiner eigenen Missetaten.