Reflexionen

Das Glockenspiel der Kirchturmuhren schlägt Heimat in der Innenstadt, ein Echo in Echtzeit und dir fremd inmitten der Einkaufsstraße, Einkaufsstadt, Essen am Morgen. Die Straßen, die sehen aus wie früher, die Gesichter der Menschen, das Schwirren und Irren, die Autos und Fahrradkuriere in bunten Shirts und mit den gepolsterten Kisten auf den Rücken wie Sisyphus, der sich entschlossen hat, den Stein zu schultern. Du greifst dir ins Kreuz: Das Läuten, Scheppern und Klingen der Kirchenglocken über deinem Kopf, die Menschen verrinnen neben dir wie in einem expressionistischen Gedicht, flink über dem Asphalt; wie früher, nichts anders. Häuser, drei-, vierstöckig strammstehend wie Rekruten beim Bund. Nichts hat sich geändert, nichts hat sich scheinbar verändert, denkst du und gerätst an die Schaufensterscheiben der Einkaufsstraße, Spiegelblicke, Augenblicke, dein Gesicht im Glas. Ein Bruchstück in der Fußgängerzone, deren Dasein nur noch an die überschaubare Anzahl an Kunden geknüpft ist, die ihre Bequemlichkeit überwinden. Das erkennst du nicht. Für dich laufen die Leute wie früher, stehen die Geschäfte felsenfest wie zur Gründungszeit und du gehörst dazu. Für immer?

Im Spiegel einer Kaufhausscheibe bleibst du stehen, stehst vor dir, fremdbekannt und du starrst und verharrst, und es trifft dich erneut. Jetzt aber, abseits jeder Luftschlösser, siehst du dein Leben im Ruhrgebiet verhaftet. Der Wunsch zu verschwinden: Fort von den immergleichen Erzählungen deiner Jahre, der Neuanfang abseits von verloschenen Schloten. Du willst es hinter dir lassen, kannst es nicht begreifen, kannst es nicht fassen, kannst über die bekannten Pfade wandern und nichts passiert hier mehr mit dir. Dieser Ort ist nicht genug. Der Entschluss zu verschwinden. Dein letzter Tag im Revier, dieser Entschluss verfestigt sich mit jeder verrinnenden Minute seit letzter Nacht. Geh jetzt, raunte deine Stimme. Du glaubst, endlich verstanden zu haben und weißt, was du dir ansehen und angehen willst. Vor dem Verlassen.

Alles: Zeichen, Menschen, Gegenwart. Der auf einem eingefalteten Karton stehende Straßenmusiker spielt Geige und du findest das kitschig und passend und passierst das Treiben der Einkaufsstraße jetzt im Laufschritt, rennst beinahe, bis du ankommst: Sackgasse. Der Fassadenkäfig der hohen Häuser, die weiße Wand und weiter weißt du auch hier nicht, wo du noch niemals warst; allein. Im Beton spiegelt sich nichts wider und das ist dein Vormittag: Alles verschwimmt. Sieh nur hin, sagst du dir. Am nächsten Tag, sicher, am nächsten Tag willst du fort. Wen hast du zu verlieren? Alles ein letztes Mal sehen: Die Gesichter und die Gebäude, die Räume und die Geschichten, die dir so viel bedeutet haben: Der Entschluss das Revier noch einmal zu bewandern – Abschiede zu erzwingen. Du sagst dir: Was immer da kommt: Du willst lernen, zu verlassen, auch wenn es heißt, die Räume, die Gesichter, die Gebäude und Geschichten, die du so liebst, zu hassen. Ein Blick, ein Fassen ein Horchen in die Geschichten. Ein Fallen in den Raum. Sieh’s dir an, sagst du dir. Und dann beginn, zu verschwinden.