Es ist schon okay, solange du keinen Mist baust.
Nicht die letzten Worte meiner Oma, aber die letzten, an die ich mich erinnere. Es regnet in den Abend, Abenddunkel, Abendgeruch. Sie wollte noch nach Andalusien, daran muss ich jetzt denken, wieso auch immer. Nach Andalusien. So könnte ein Lustiges Taschenbuch beginnen, denke ich, Oma Minnie fährt nach Andalusien. Aber hier liegt sie nun im Sarg, unter der Erde ihrer Geschichte. Friedhofstille, Regenwispern, grünes Gras im Dämmermantel und die Sonne kämpft sich erst morgen wieder nach oben: Der Regen ist nur ein kurzer Schauer.
Ich liebte den Friedhof, bis du hier eingezogen bist. Ich lief mit meinen Kopfhörern im Ohr auf den Wegen zwischen Grabstein und Wald: Das war mir nie komisch – aber ich habe es auch niemandem verraten. Ich liebte die Ruhe inmitten der Großstadt. Die Weitläufigkeit, die ich ansonsten nur aus den Urlauben kannte, Wege in der Umarmung von Grün und Braun. Menschen mied ich auf der Jagd nach Tagträumen. Eichhörnchen bewunderte ich. Wie soll ich nun werden? Wie soll ich nun träumen?
Ich frage mich, als ich auf die frisch zugeschüttete Erde sehe, ob sie nun im Himmel ist, wie unser Pastor es immer predigt. Ich frage mich, ob sie von dort aus nicht viel schneller nach Andalusien kommt als mit dem Flugzeug, und ich frage mich, ob ihr Andalusien wohl gefällt und das sie es hier nicht mehr geschafft hatte, das kommt mir am Ende jedes Gedankens wieder.
Noch in den letzten Woche besorgte sie sich ihr Essen selbst. Sie ging ins Zentrum, ging schon damals sehr leichtfüßig, schon lautlos in die Läden. Sie beeilte sich nicht, trotz ablaufender Zeit. Sie sagte: Das Hetzen überlasse ich den jungen Leuten. Sie kaufte mir zum Geburtstag Schuhe, das war ihr Markenzeichen, wie Mama und ich immer sagten. Die Schuhe waren okay, nie wirklich hübsch, nie wirklich bequem, aber immer okay. Erinnerungen steigen in meinem Geist auf. Oma Minnie, flüstere ich und schließe die Augen, blättere im Lustigen Taschenbuch in der Hoffnung, ihre Geschichte zu entdecken, Oma Minnie in Andalusien, ich will doch nur die Gewissheit, dass es gut ausgeht. Ich will doch nur wieder meine Schuhe auspacken können, für die ich jetzt wirklich, wirklich dankbar wäre; einmal in die alte Zeit zurück. Der Gedanke würde mir später sicher noch häufiger kommen.
Ich stupse mit den Fußspitzen an ihr Grab, höre Menschen miteinander reden, Stimmen werden lauter und ich stecke mir die Kopfhörer ins Ohr. Die Stille an einem Grab ohne Menschen bringt dich ganz zu dir selbst. Da muss man ja flüchten. Und ich flüstere, dass ich nun gehe, und ich mache ein Kreuzzeichen, fast heimlich.
Morgen ist mein vierzehnter Geburtstag, der erste ohne neue Schuhe aus dem Zentrum.
Und ich blicke noch einmal auf den Graberdhügel zurück, wünsche ihrmir, dass Andalusien sie nicht enttäuscht, und bin mir mit einem Mal ziemlich sicher. Ich hatte ihr versprochen, keinen Mist zu bauen. Dann wäre alles okay. Und ich denke, als ich gehe, dass es schwieriger wird, als es sich anhört. Aber ich werde es versuchen.