Zeitlos, leidlos, ortlos vergehen – ich war tot, hoffte ich und in dem Augenblick, als ich das dachte, war ich bereits enttäuscht worden. Vor mir erschien Asphalt, Straßenlaternen fielen wie Sterne, verglühend, hell, springend, hoch, hell, ich hielt mir die Hände an die Schläfen; das gehörte noch mir, ich dachte: intakt, kaum gesplittert und ich kauerte am Boden; alles musste seine Ordnung wiederfinden: Die Sterne mussten mich überragen, Himmelsruhe, die Stadt, die Lichter der Stadt, alles an seinen Platz!
Ich kroch mehr, als ich ging, über Asphalt, Steine, Gras, ganz gleich, zog eine Spur hinter mir her, Schleim, Blut und Schweiß und Tränen, all das Menschenzeug, doch Schreie blieben mir in der Kehle stecken. Vor mir der Fluss, trübschwarz zog er vorbei, der Rhein, die Ruhr, ganz gleich, als würde er sich für niemanden interessieren und da blickte ich auf: Rechts die Brücke, das erste, was ich sah.
Linksblick: Die Promenade, leere Läden, Kneipen und Cafés, stuhllose Tische wie traurige Inseln trüb in der Nacht. Ich kroch ans Wasser und sah kein Spiegelbild, keine Sterne, keinen Mond. War das mein Revier? Da trieben Gänse, als schliefen sie stromabwärts, da gellte ein Schwanenschrei herüber zu mir. Hier im Ruhrgebiet gellten Schwanenschreie. Ich fand das plötzlich poetisch. Ich zog mich hoch, setzte mich auf die Kante, ließ meine Beine baumeln, beinahe bis ins Wasser baumeln. Keiner hier, der mich betrachtete. War mir ganz recht, nein, war es nicht. An dieser Stelle, an der das Leben tagsüber die Straße flutete, lebendige Blicke, lebendige Stimmen, Atem, Schuhschläge und Lachen, lebendiges, lautes Lachen, an dieser Stelle fand ich mich nicht wieder. An der Promenade um Vier lachte niemand, niemand hier. Ich ließ mich rücklings fallen und Beton schmerzte doch, doch viel zu wenig für einen Tod. Bäume ragten wie Lanzen gegen den Himmel. Die Sterne bildete ich mir ein. Irgendwo hörte ich einen Menschen einen Abfalleimer durchwühlen. Nachts um Vier. Ich kannte das Geräusch. Ich wusste vom ausbleibenden Erfolg. Jemand sprach mich an, Schuhschläge, sich nähernd, jemand stank nach Alkohol und Urin, jemand könnte mir in der nächsten Sekunde eine Waffe an den Hals halten, eine Scherbe, ein stumpfes Messer, eine Hand. Stattdessen setzte sich jemand neben mich. Ich starrte weiter gegen den Himmel und jemand sagte, dass es schön wäre, diese Nacht. Kein Regen. Uringestank und Alkohol. Etwas wurde in den Fluss geworfen und der Fluss flatterte auf und fand flügelschlagend wieder Frieden. Ich sagte: Was kann das Tier dafür, und meinte es sehr ernst. Jemand fragte nicht nach. Aber das war mir ganz recht. Ich hätte auch keine Antwort gewusst. Ich hätte einen Mord begangen für die Poesie, jetzt, wo die Schwanenschreie verstummt waren, doch ich war wieder allein. Und ich weinte, vielleicht, weil die Sonne aufging. Ich wollte das alles noch einmal sehen, blinzelte dem entgegen: Rote Sonne, neuer Morgen, frischer Tag;