Nach der Hilfe

Viele an diesem Ort nennen sich selbst einen Gott. Und Götter musst du erst einmal erden können.

„Was machen wir dann noch hier?“

„Wir machen weiter. Oder nicht?“

Und zwischen den Bänken wallen die Blätter in die Luft, vom Wind aufgeworfen – sie segeln zu Boden. Was es bringen soll, wissen beide und was es bringt leider auch. Zwei Aufrichtige mit Idealen, vor der Gesamtschule im Norden, wo Häuser und Hoffnungen gemeinsam verfallen. Sie präsentieren sich unbearbeitete Arbeitsblätter, so als ob da noch etwas geschieht. Dann lächeln sie beide leise bei dem Gedanken.

Heute schlug Sami Musi. Sein Bruder hätte seinen Bruder beleidigt und beide Familien hassen einander sowieso. Eine lange Geschichte. Eine kurze Stunde. „Feuer?“, fragt der eine. „Habe ich noch“ und dann leuchten zwei Zigaretten und die bunten Blätter ballen sich und tanzen. „Morgen ist Mathe“, sagt der andere. Bruchrechnung.

Hier, wo Brüche in den Lebensläufen zum Alltag gehören, hatten sie die Hoffnung, die Hoffnung der Jugendlichen zu werden, der Kinder und diese Idee schien so simpel wie schön: Nachhilfe für die, die es brauchen und die, die es verdienen. Für die, die sich keine Hilfe leisten können. Und was wäre auch die Alternative? Was soll nach der Hilfe noch kommen? Über den Weg rollt eine weggeworfenen Chipstüte, Funny-Frisch, Peperoni-Geschmack, leicht scharf auf der Zunge. Samis Mittagessen.

„Mathe“, wiederholt einer und ascht auf den Asphalt. Sie sehen auf den Pausenhof. Mit einem Tennisball und der flachen Hand wird Tischtennis gespielt. Da ist Yelda. Yelda rechnet besser als die meisten, besser als Sami und beinahe so schnell wie Musi, an guten Tagen. Yelda lächelt, als sie ihre Nachhilfelehrer sieht, sie winkt ihnen zu. Die Chipstüte fliegt erneut durch ihr Blickfeld, aufgeweht wie die Herbstblätter vor der Schule. Auf und wieder zu Boden. „Glaubst du, wir bewirken etwas?“, fragt einer. Er fragt es zwei Mal. Zwei Mal in die Stille.

„Ich weiß, dass alle Dinge ein gutes Ende nehmen. Mehr weiß ich nicht.“ Und der Blick ist noch immer müde und starr. Und keiner der beiden weiß, ob es nun Wunsch, Sorge oder Segen, oder einfach nur diese verdammte leise Traurigkeit des Nachmittags war.