Langsam Fahrt aufnehmen, hier auf der Trasse, Mitternacht. Die Luft ist zu frostig, dünn und düster und vor mir verfliegt der Schotter, feiner und fest, fast Asphalt und bloß in meinem Lichtkegel weißlich-gelblich-bräunlich schön; und ansonsten nichts, nur Nacht, finstern-fernab jede Rührung.
Beiseite die Schattenbäume, fliegen vorbei, manchmal hochoben ein lebendiges Fenster, hell und fern und fort. Ich trete die Pedale. Ich atme nicht hastig, ich bin ganz ruhig, ganz bei mir, Augen auf den Weg, geschlossen, zugekniffen, schnelleres Treten, ich hasse mein Fahrrad nicht, ich trete nur schneller in die Dunkelheit. Offene Augen, Blinzeln, Daumenkinoblicke, schnell. Unter einer Brücke, kurz bedeckt, dann überlässt sie mich dem Weg, dem Wind, den Wolken. Ich denke…ich fühle mein Herz im Takt der Wolken, verfliegend und der Himmel ist viel zu schön, nein, es ist nur ein Himmel. Der Weg zieht sich, mir ganz recht, ein Weg wie eine Schiene, was er einmal war. Kohlewaggon an Kohlewaggon, nun ziehe ich hier meine Bahnen, eine Bahn, Richtung geradeaus, stetig treten, es geht nur geradeaus. Ich durchquere den Park, über dem Wasser halte ich und spüre meine Rippen, spüre meine Beine, zittern sie? Sie lachen. Ich beuge mich über das Geländer, sehe nichts. Keine Fische, keine Pflanzen, kein Gesicht im Wasserspiegel. Hinter dem See die Bauten, monolithafte Wohnblöcke der Stadt, ruhig und nichts rührt sich, ein Licht ist nichts mehr als ein Witz. Ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt. Ich klettere aufs Fahrrad. Ich trete. Weiche zwei Betrunkenen aus, Studenten, vielleicht Arbeitslose, Grasgeruch kitzelt in der Nase, ein Hund, ein weiß-braun-gefleckter Mischling, trottet nebenher, ein Labrador mit Sicherheit, er lächelt ein Hundelächeln, ganz genau! Ein Hund lächelt hier mehr als die Menschen.
Dann der Anstieg. Ich bin oben und drehe mich im Fahren um, verfolge den Hund, kleiner werdend und verschwindend, mein Herz schlägt warm und fast sehe ich ihn noch und lache voll unerklärbarer Heiterkeit.
Der nächste Park, die kümmerliche, schwarz-grün-braune Lunge des Stadtteils Kruppgürtel; ein Teich, Asphalt, Hügel und irgendwo ein Fußballplatz, irgendwo ein Skaterpark, irgendwo ein Sandkasten, zum Spielen, zum Hinlegen, aber dafür ist es jetzt zu kalt und zu spät. Ich höre keine Menschen. Bis zur Straße. Die Brücke ist noch nicht fertig, aber sicher bald, also fahre ich unten her, zur Straße, es riecht nach Gummi, nach Teer, das Ampelrot ein Funken in der Dunkelheit und dann bin ich auf der anderen Seite. Es rührt sich nichts. Ich werfe einen Blick über meine Schulter: Ein Auto, ein Fahrrad, ich schließe die Augen, ich höre: Das Verschwinden von Reifen. Schöne, schwarze Stille zur Nacht, als alles wieder fern ist. Ich trete, ich trete und höre den Fahrtwind, wie er auf meinem Gesicht spielt, die Hecken beiseite, alles Grün am Tag und jetzt: Düsternis.
Vor der Universität setze ich mich auf die Treppe, auf der ich sie das erste Mal geküsst habe.
Ich halte den Atem fest, doch entwischt er mir natürlich, verschwindet wolkenfern. Ich lege mich auf die körperkalten Stufen, mit meiner Wange zuerst, streichle ich Beton, das Fahrrad zur Seite. Plötzlich ein Mensch. Ich bin betrunken. Er geht weiter. Ich küssen meinen Beton. Ich schäme mich für nichts. Mondlichtbeschienen. Ich blicke auf. Vielleicht wartet ein Mensch am Rand des Campus. Keine Rührung. Es interessiert mich wahrscheinlich nicht. Ein Jahr ist es her. Ich lege meine Stirn an den Stein wie an deine Stirn. Beides kalt. Ein Jahr und ich habe immer gedacht, dass es reicht. Ich weine, weil es mir egal ist, wer ich bin und weil mein Herz ein Elefant ist, nie vergessend und weit entfernt wie Afrika, wie ein Stern am Nachthimmel in Afrika.
Die Universität ist bunt, viel zu bunt. Die Türme erinnern an Zuckerstangen. Wie gerne würde ich alles brechen, einstürzen sehen, es verhindernd; und das einzige, was die Stadt befallen hätte, wäre Zuckerregen. Eine Vorstellung! Stürzende, brüllende Bauten, bunter Zuckerregen in der Dämmerung. Und wir beide hätten auf der Halde gelegen, staunend und sicher, Stirn an Stirn.
Ich hebe mein Fahrrad auf. Warum ich weine, fragt man mich. Warum weinst du nicht? Doch ich antworte nichts. Lieber stille Tränen, als lauter Mitleid. Ich schiebe zurück. Ich hatte mir ein Jahr gegeben. Ich habe gewartet. Es tut sich nichts. Ich kneife die Augen zu im Losfahren. Ich fahre. Ich sehe: Büsche, dichtes, düsteres Dickicht, Hecken und Bäume, keine Blumen, die Straße, das Ampelrot. Das alles ist anders, das kenne ich so nicht, aber alles eingenickt, in Schwarz. Der See. Die Brücke und unter mir Asphalt, der früher Schotter war, wo früher Schienen waren. Ich fahre fort, trete, der Schotter unter meinen Rädern knirscht wie kaputte Knochen, wie Zähne, die aufeinander reiben. Das Lächeln eines Hundes wäre noch etwas fürs Herz, denke ich und nehme weiter Fahrt auf, schneller, lachende Beine als ich an meiner Abbiegung vorbeischieße, kann meine Wohnung durch die Bäume erahnen. Fast sehe ich die alten Schienen, die kohlendampfgeschwängerte Luft, fast bin ich einer jener Züge, der sich seinen Weg zu bahnen weiß, wissend wohin und dann bin ich wieder nur hier in der Finsternis, weil das Entkommen in die Fantasie doch nie ein Dauerzustand ist. Hier auf der Trasse der Stadt, die adergleich das Leben trägt, viel zu wenig Leben, noch, hier stirb die Fantasie, knallt kalt gegen den Schotter. Es friert. Der Herbst lässt seinen Wind wie einen Strick durch die Luft tanzen. Ahnungsvoll schieße ich hindurch: Nächtliches Essen, schlafendes Mülheim.
Das Ziel. Ich kneife meine Augen zusammen und fühle es, auf der Trasse, nachts. Ich biege ab, ohne das Treten einzustellen, im Gegenteil. Ich weiß warum. Die Treppe. Ich bin nicht traurig. Ich bin nicht böse. Ich will kein Mitleid, ich will keinen Trost. Herbstband. Es ist kalt geworden. Herbstbrand. Die Türme aus Zucker warten am Horizont auf ihr Zerfallen. Kein Zug, nein, ich bin ich und: Ich kann nichts anderes. Ich gehöre nicht dazu. Ich gehöre der Vergangenheit, ich gehöre nach Afrika, ich gehöre zu dir.
Entgleisend wie ein Zug, über die Kante, über den Stufen sehe Tränen fliegen wie Kohlebrocken, fasse vergeblich nach ihnen im Fallen, dann überholt mich mein Rad. Und eine Treppenstufe lang denke ich noch. Dass es vielleicht nicht das richtige war. Was, wenn alles anders sein könnte? Das Aufprallen von Gedanken und das Abbremsen der Welt hörte fast nicht auf. Knirschende Knochen. Kopf an Kopf mit dem Stein, schlussendlich, der ist kalt, erwartbar kalt, kein Kuss. Ich liege. Irgendetwas läuft mir über die Nase: Meine Stirn, nein, Zuckerwasser. Ganz sicher ist es Zuckerwasser, was denn sonst? Der Boden ist wie in jeder Stadt und die Luft schmeckt nach Eisen und ist süß und ohne Form und Farbe und ich weiß nicht, wie die Sonne aufgehen wird, ich weiß nur, dass ich es lieben würde, sie zu sehen, irgendwo, und nicht, nicht vergehen, hier: Ortlos, leidlos, zeitlos all das wieder sehen. Aufs Neue, noch einmal. Auf Neues.