Bin ich wirklich schon so lange hier? Sah ich nicht noch vor kurzem in Neuseeland grüne Hügel fliegen, Strände schwimmen in weißem Sand und das Himmelmeer trug sein Blau zur Schau, für jeden großen Träumer. Nie wieder schien die Welt vollkommener und friedlicher und schöner zu sein. Bin ich wirklich schon so lange hier, im Krupppark kurz nach fünf? Hier wo die Hügel aufgeschüttet sind, ein Wiesengrün im Parkanlagenflair, weiße Verbotsschilder der Stadt und blau die verbitterten Verzweifelten auf den Parkbänken am Abend, so allein. So allein. Ich träumte uns beide: Wir wanderten, wanderten hier und überall zusammen: Das wäre unsere Zukunft, ich dachte, hör mir doch zu, ich dachte, du träumst mit und: Es ist nichts vorbei, veronnen, verloren, enteilt, nein, nichts vorbei, begonnen, einmal zusammen: Deine Hand in meiner und ein Kuss von deinen Lippen und keinen Blick mehr nach Berlin. Als du mir gegenüberstandest, hoffnungsleicht und jung und voller Träume träumend in die Welt, ich dachte daran und denke: Einmal wir, einmal wir beide; ich träumte –
Doch nichts weiter mehr. Die Wahrheit saß mir auf der Parkbank zur Seite und es blieb nichts außer dem Verweilen und Fantasieren in den Tag: Das war ein Fortschritt! Stillgesessen, auf der Parkbank allein und all die jungen Liebenden und all das Kinderwagenschieben auf den grauen Betonwegen dort hinten, und all das Leben vor der alten neuen Kulisse um mich herum. Eine Hand voller Sand vom Schotterweg gehoben, gerieselt in die Luft, ein Kuss auf die Lippen des anderen irgendwo dahinten, ein Knall vom Skateboardpark in der Abendluft, Grasgeruch, der letzte Grill hauchte seine Glut endgültig aus. Nein. Es war noch nicht zu Ende, der Tag, und dieses verdammte, dumme Leben und diese verdammte, dumme Ruhrgebietswelt. Eine Fremde mit Jutebeutel fragte mich, ob ich Feuer hätte und ich wollte sagen ‚nein, ich habe kein Feuer‘, aber ich hatte es doch: Ein Streichholz über die Reibfläche knisternd, ein Blick dem Mädchen hinterher, staunend über mich selbst, nichts weniger mehr. Parktauben stolzierten zwischen Kanadagänsen auf den Herbstgraswiesen, Kinder weinten und lachten und der Kauz der Stadt ließ sich natürlich blicken, der Irre auf seinem Damenrad. Nein. Ich sehe sie nicht wieder. Nie wieder. Wo auch? Hier im Park? Das Ruhrgebiet ist riesig und weit und Berlin ist riesig und weit und die Engel brennen vom Himmel wie Sternschnuppen in der Nacht auf die Halden der Stadt für jeden, der Sehnsucht hat, immer wieder neu. Aber ich war nicht tot und ich war nicht enttäuscht, nur ein bisschen. Weißt du, sagte einer der verirrten Verzweifelten zu mir, die hier kamen und gingen wie die Gänse auf den Wiesen, du erinnerst mich an meinen Bruder und dann sagte er noch etwas und dann lachte er mir ins Gesicht so ein bisschen mit Spucke und Traurigkeit aus seinem Bartgesicht und vollkommen ohne Freude und ohne Hass. Der Verzweifelte ging, ich blieb und auf einmal tauchte in der Menge der graubraunen Gänse das weiße Federkostüm auf, ein langer Hals, ein Engel, ein Engel mit Schwanenschrei und ich dachte: Ja, hier bin ich geboren, wo die Poesie noch immer mager ist wie mein Glück. Hier habe ich meine Liebe verloren, doch hier bekomme ich vielleicht auch Liebe zurück. Nicht in Berlin, nicht in Neuseeland oder auf den Wegen anderer Leben, ich kann nirgendwo entkommen: Wohin ich gehe, bin ich dabei. Ob hier oder fort. Zwischen Ruhrgebietstauben oder an einem anderen Ort. Denn die Nacht endet im Morgen und der Morgen träumt von der Liebe und für die Liebe dreht sich die Welt, so schrecklich schön weiter, immerfort. Für uns und hier für mich, wo all das Lieben liegt: Unter dem Glockenspiel der Innenstadt und neben winkenden Kindern an den Gleisen, an der Promenade und nah dem Himmel, Musikummalt und von Tierlauten begleitet, vorbei an Graffitisprüchen und S-Bahngerüchen, im Pendlerstrom, im Baustellenstaub, zwischen Weizenfeldern und auf Bahnhofslaub, am Fluss neben den Brücken: Die Poesie liegt nicht in Stücken. Die Poesie liegt im Leben. Das Leben lebt zur Poesie. Und ich will mit. Was braucht es nur, was braucht es dafür? Ich stand auf und spazierte Richtung Heimat, darüber nachzudenken, wo immer das auch war, diese Heimat, dieses Leben, diese Poeise.