Nein, Orte verschwinden nicht, aber diese Orte verändern sich. Verfallen und Verleben, Abriss und Aufbau und die Umarmung einer omnipräsenten Online-Krake: Geschäfte bilden noch immer den Grundton der Innenstadt. Doch die Vereinzelung ersetzt den Massenandrang, Sale-Out-Schilder als Menetekel des Unausweichlichen, es riecht nach Beliebigkeit und Dosenbier. Man beschreibt Teufelskreise in der Stadt und ich konserviere ihren Geruch in den Nasenflügeln, als ich durch diese Straßen laufe, süßlich, bitter, Backwaren, Billigleder, Kosmetika; er verfliegt. Man könnte aus all dem etwas Lyrisches formen, aber diese Arbeit haben andere schon erledigt. Genügend Poesie aus dem Alltag. Zu viel Alltag für Poesie. Der Kennedy Platz in ewigem Gebrüll? Ich denke nicht. Ich denke, man interpretiert zu viel in die Welt und kann daher nur schwer originell über sie schreiben. Man kennt nur noch. Man fühlt nichts mehr. Beim Betrachten und beim Lesen, Hören und Sehen gerät man doch immer nur noch in die alten Muster und Formen, Sätze und Sentenzen, alles gesagt, alles schon festgehalten und notiert, romantisiert und fotografiert, und da kommt man nicht raus. Ist das verwerflich? Alles wiederholt sich doch, die Restaurantketten in der Innenstadt vermehren sich wie Pilze, dass erkennt man auch ohne Aufmerksamkeit, überall die gleichen Läden und Angebote: Francise, nur ein h von der richtigen Schreibweise entfernt. Knallbunte Locksprüche, alles immer auch irgendwie nie lustig, aber gewollt komisch und unnötig kompliziert, weil Hirn hilfreich wäre, denkt man sich. Werbeslogan, Jetzt-oder-nie-Angebote, Sparpreisspeiseplakate: Schrei sie raus, deine infame Individualität! Hier ist alles gleich. Diese Innenstadt ist eine Innenstadt wie in allen größeren Städten, nichts weiter mehr – und das ist vielleicht ihr Problem. Essen oder Bochum oder Dortmund oder Berlin. Ihre Unterschiede vergehen, das schrieb schon Kracauer, und fernab einer eigenen Handschrift implodiert der Raum heute gänzlich in Mainstream und Beliebigkeit, Bebauungsplan: Langeweile; größte Monotonie. Dagegen kommt die Originalität, die Nischenkunst, nur allzu schwer an; zu neu, zu gewagt, zu unbeschrieben, zu arm. Für sie gibt es die Randgebiete und Hipster-Viertel, die Seitengassen der Stadtplanung, Mottenlichter der Gentrifizierung. Das Verlassen dieses Ortes ist daher nur die logische Konsequenz, denke ich, als ich mit der Hand über die Fassade der letzten Konditorei steife, der eigenwillige Sound der Innenstadt verhallt in den Ohren, ein Decrescendo im Weitblick, ganz nah. Und ich konserviere, was jetzt noch ist, was vor mir liegt in dieser Zeit unendlicher Betriebsamkeit.