Kultur
Theaterbühnen und Kinoleinwände, die Innenstadt als Pflaster für kunstverlorene Seelen. Hochkultur, für die Nischenkunst sind die Preise hier utopisch. Avantgarde findet sich woanders, hier geht man hin zum Weißwein und zum leisen Applaudieren. Trotz allem: Zugpferde der Kunst besitzen hier ihre Heimat, Platzhirsche in bester Lage und wichtig für die Szene. Da sitzt eine Schauspielerin auf der Treppe vor der Tür, beißt ins Pausenbrot, eine Kippe zwischen den Fingern, einen Sommernachtstraum in Gedanken. Rauchen, Essen und Träumen, die Zeit drängt zur Bühne. Ein einsamer Mann fragt nach dem Spielplan und hofft auf Faust – der Tragödie nächster Teil. Eine Kritikerin tippt etwas in ihr Smartphone, ein zweitklassiges Programm in erstklassiger Lage. Der Platz vor dem Theater ist illuminiert und verkleidet in bester Absicht und so groß, dass ihn der Andrang niemals füllen wird. Was nichts heißt. Aber es ist schön, zu schauen, wie es sich entwickelt. Schön und schrecklich ungewiss zugleich.
Tageszeiten
Nirgends changiert die Welt stärker in Abhängigkeit der Tageszeiten wie in der Innenstadt. Mittags verbrennen lauter Menschen Geld für Nike und Prada, nachts hockt der Obdachlose auf der gleichen Türschwelle an seiner letzten Flasche Billo-Bier. Straßenfeger räumen Nachtreste in der Morgenfrische vom Asphalt und vormittags hüllt sich jede Einkaufspassage in Spannung auf den kommenden Andrang – und bangt. Menschen wie erste Tropfen vor der Flut. Der Wandel als Konstante und bloß den Tauben scheint der Stand der Sonne egal, ein Leben unabhängig von Tag und Zeit. Um Zwölf schlägt irgendwo noch eine Kirchturmuhr, Glockenspiel über den Köpfen und für eine Sekunde schreckt man aus seinen Gedanken auf wie die Vögel von den Dächern. Am Nachmittag läuft alles seinen gewohnten Gang unspektakulär und berechenbar: Arbeiter arbeiten, Spaziergänger spazieren, Bettler betteln und Einkäufer werden weniger; der Nachmittag ist der Spießer unter den Tageszeiten; also schnell zum Abend, der die größte Abwechslung bietet: Wo am Wochenende junge Menschen die Straßen einnehmen, zu Bier und Musik pilgern, in Clubs, Bars oder zu Bänken, und wo mit sich senkender Sonne das Feierleben freizügiger wird, lebt sich die Innenstadt wochentags aus und dümpelt in die Nacht. Geschäfte fahren Rollläden runter, Geschäftsleute laden auf den letzten vorletzten Drink in eine Bar und die Atmosphäre erhält für jeden Spaziergänger den Anschein des Privaten, des Heimeligen, als wäre die Szene, die Straßen, die Stadt nun für jeden Einzelnen gemacht.