Innenstadt-Miniaturen I

Straßen

In Richtung Innenstadt raus und dabei den Sound dieser Szene als Überraschung begreifen. Das Kaufhaus, dieser riesige menschliche Ameisendom, entlässt einen in die Einkaufspassage, Fußgängerzone, City-Zentrum. Man wuselt und weicht aus, noch in der Tür. In der Stadt trifft einen das Tageslicht wie die Schultern der anderen. Man sieht, wohin man sich wendet, Menschen dahinfließend mit Tüten oder Rucksäcken, alle in Bewegung: Ausweichen, Tippeln, Schlurfen, Gehen, beinahe Stehen, Schleichen und Eilen, Innehalten und Verweilen, seltener Sprinten, Flanieren, Vagabundieren, Promenieren, wo die Zuschauerzahl verebbt. Musik im Ohr und Smartphoneblicke, Gespräche über Tage und Nächte und die ewigen Einkäufe mit der Person zur Linken. Oder Rechten. Selbstgespräche. Eigentlich geht jeder für sich. Keiner hebt seinen Blick zu den Etagen über den Läden, was es dort gibt, bleibt ein Geheimnis, Marschrichtung geradeaus. Ein Tretrollerfahrer, genervt und nervend in dem Menschenstrom, Einkaufstaschen schlagen wie Abrissbirnen gegen die Waden, ein Kinderwagen, ein Fahrrad (geschoben), ein Bettler, Musiker, Geige und Gitarre, ein Bäcker, der vor seinem Geschäft Gebäckproben anbietet; man sieht es, immer einen Tick zu spät. Man wird weitergedrängt. All das geht so schnell, dass man bloß skizzieren und aufnehmen kann, keine tiefere Analyse in dem Moment, in dem alles Bewegung ist. Ein Wimmelbild, ein ewiger Prozess, nichts neues an dieser Stelle. Aber: Das alles ist noch hier vorhanden, erlebbar, spürbar schön.  

Seitenstraßen

Abseits der Hauptstraße: Schmale Seitengassen, häufig missachtet. Spielraum für Arme und Blicke und Luft. Durchatmen. Eine weitere Facette der Stadtlandschaft, doch die interessiert aufgrund ihrer unspektakulären Art niemanden, diese schlichten, unscheinbaren Seitengassen verlaufen für sich wie die feinen Nebenadern der Aorta. All die Geheimnisse hinter den Fassaden, die niemand beachtet oder kennt, charmelos und links liegen gelassen. Es sind Passagen, über die nur wenige zu berichten wissen, in ihren Reportagen, Filmen oder Gedichten. Es sind Durchgänge, Abkürzungen, Raucherecken. Abends pisst einer an die Häuserwand. Morgens eilt der Paketbote durch. Diese Orte erteilen niemandem ein Aufenthaltsrecht, alle Menschen sind hier Passanten. Hier geschieht der Diebstahl, die Vergewaltigung, der Mord, zumindest in den Filmen. Räume von Obdachlosigkeit und Zwielicht. Die Hauptstraße beansprucht alle Aufmerksamkeit, die Nebenstrecken, die alles zusammenhalten, entlasten und bedingen, die bleiben im Schatten ihrer hohen Häuser. Der Weg führt unweigerlich ins Getümmel. Eine Faszination jedoch verbleibt am Rand, sichtbar stets, doch unbemerkt, auch für dich.