Hochofen

Ein Ort, der alles in einem ist: Ganz Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Genau dort steht er, monolithartig, graues, roströtlichgebeuteltes Metall, kaminförmig, Stahlstelzen, Rohre und Treppengerüst halten den alten Industriekörper zusammen. Versonnen und verstaubt, das Genre hier ist die Erinnerung, die Zeitreise, die Mystik einer vergangenen Größe. Früher schuftete hier der Prototyp des echten Malochers, heute verformen Touristen ihre Gesichter vor der Selfiekamera, und abends verkleiden die Lichter den Stahl, Rost zu Sommerblau, nachtumweht, illuminierte Industriekultur im Revier.

Ich erinnere mich: Ich lehnte am Geländer der Treppenstufen, schmale Adern zwischen Stahlbolzen, röhrenförmiger Kühlsysteme hinter mir und Metallgebilden auf denen gelaufen, getrampelt oder verweilt wird, als sei man nichts als ein Fremdkörper, der durch die Blutbahn des kalten Industriekörpers treibt. Beim Luftholen sah ich ein junges Pärchen auf der Bank, die sie auf einem Stückchen freier Fläche angeschraubt hatten, zwischen Stahlbehälter, Dampfrohren und Schrauben, die breit sind wie eine Handfläche. Sie schauten in die Wildnis, ins Grün, das sich vor ihnen auftat wie das Panorama einer anderen Welt, einer neuen Welt, einer menschenlosen Welt. Ein riesiges, rostrotes Rohr zog sich auf seinen Stützen stehend durch die grünen Büsche, wie der Pinselstrich eines frechen Schülers, der das Werk des Meisters verpfuschen wollte – scheiterte. Touristen schossen Selfies auf 70 Metern und die Verliebten interessierte nichts weniger als die Höhe oder die Touristen oder die Weite der Wildnis. Sie waren ganz bei sich, auf dem Hochofen hielten sie sich aneinander im Mittagszug, Mittagssonne, Duisburg Nord – ganz Gegenwart und Zukunft und irgendwann Vergangenheit.