Allein, ich schalte alle Technik ab: Das Echo summt verstimmt, und verstummt – es ist fort… fort, endlich weit fort, weiter Forst vor mir – und wir sind so weit von unseren Instinkten entfernt, dass der Naturpfad längst beängstigend wirkt, völlig ohne das Blinken digitaler Prothesen: Da muss einem natürlich die Anspannung kommen, das Unbehagen, die Gänsehaut, allein hier auf den Laubbrettern, die eine Welt bedeuten, schon lange vor der Kunst und vor dir. Ich stapfe los, leise langen Schrittes. Naturschutzgebiet. Irgendwo ein buntverlaubtes Moor, eine versumpfte Welt im Morast, Moorgebiet. Das klingt schon unheimlich und ist doch nur ein feuchter, nun farbenfroher Ort unter Laub. Herbstwald, deine Farben liegen auf einen Blick offen: Was hilft, sind Sekunden Farbe und Erstaunen. Voller wird keine Welt leuchten als in der Jahreszeit, die immer Übergang ist: Der Herbst mit seinem Los eines ewig Werdenden, nie Seienden, und immer voller Vorurteile: Ein trauriger Frühling, ein letzter Sommer, ein bunter Winterstart fallender Blätter im Nieselregenhauch, nebelgrauverhangen, all das: Im Herbst ruht keine Beständigkeit, nur Unrast und Erwartung und dann diese Schönheit im trüben Blick:
Herbstwald zwischen Ruhrgebietshektik und Chaosreden – Menschen-Leben in Wirrwarr und Zerstreuung, gigantischem, individuellen Irrsinn, dem ewigen Echo in den Echokammern dieser Zeit: Lärm und Panik, Sinnsuche in selbstorchestrierter Zeitnot, Krankheit, Regression, Verzweiflung, Tod. Ein stückweit Pause unterm Blattwerk finden: Dort ein Umherstreifen, vielleicht eine Art Beruhigung zwischen den Bäumen und Farnen; knitterndes, knisterndes Laub, kränklich, knackende Ästchen und tausend Blätter brechen. Dort schlummern blassgrüne Gräsergrüppchen unterm Nebel und Pilzköpfe kauern sich an feuchtgefurchte Rinde in grünverwaister Atemluft, ein trockener, ein guter Jahrgang, ja, man könnte fast an Gott hier glauben, so einsam und so groß und verlockend ist es. Doch ich lausche: Was hilft ist die im Forst geborene Ruhe, die völlige Ignoranz der Natur für den Menschen. Vogelfiedeln und weitere zerknackende Ästchen beim Gang. Gedankengänge, die dir kommen, vergehen, wiederkehren: Du hast hier nichts und hast genug. Wie vor zweihundert Jahren, wie in zweihundert Jahren, ja wie in all den Bücher, die niemals nie leiten, wie in all den Reden, die dich spalten, wie in all den Liedern, die sich irren, wie in all den Versen, die dich verwirren. Es kommt alles wieder. Kitsch, Kultur und Knittelvers. Das Horchen ganz in Atemruhe, was hilft, ist das Rotkehlchen krakeelend im Astgewirr, fast laut. Der Herbst wirft alles durcheinander. Blätter schütteln sich den Wind aus den nassen Zellen, Zeit tropft zu Boden, Bäume die Blätter zu Boden – halt, war das nicht eben schon? Irgendwann hat jemand alles bereits in Verse gegossen, besser als du das kannst, und doch blühen Worte über Wälder wie Erinnerungen weit. Deine Erinnerungen ruhrgebietswälderweit: Moore, Rotkehlchen und dergleichen. Was hilft, ist das Vergehen, was hilft, ist die Gewissheit, dass die Zeit in den Boden sinkt, egal wie weit man verweilt, wie viele produktive Augenblicke lang; denn die Zeit dampft stets wie ein ureigenes Stück, aus der Erde durch die Welt zum Himmel zurück: Schlag auf Schlag. Und immer gab es Vorgänger, immer wird jemand kommen, und von Zeit zu Zeit les ich diese Alten gern. Auch in Zukunft. Ich denke, irgendjemand hat die Sätze schon einmal gesagt, geschrieben, geschrien; doch das ist mir egal!
Nein, ist es nicht. Aber nicht zu ändern.
Atempausen fern einer Pflicht: Augenverschlossene Momente, plötzlich Poesie, was immer einem wiederkommt: Wo war ich gerade? Die Stille, das grundlose Genießen fast verlernt, an den Stadträndern, an die Vororte geschmiegt, diese Wälder, vermantelt von Herbstlaubnebel, aufgekratzte Eichhörnchen jagen um die Nuss, ich denke: Nichts weiter mehr. Lasst uns Luftholen, Lauschen, Umherstreifen und Horchen. Und der Schlag, der dich trifft, trifft dich unter dem Astgenetz recht zart. Du staunst hier ganz bei dir. Und kommst zurück. Vielleicht nur für einen Moment, nur für einen Augenblick verweilen im lebendig dahinlebenden Leben, kurzzeitiges Zwischenspiel unter Laub und fern des Echos. Fernes Echo, ganz bei dir. Bei dir. Und dort nie allein, mit all den Geschichten, nein, dort nie allein. Du erinnerst dich daran.