Hauptbahnhof

Sechs Uhr, Morgendämmerung, kein Weinen und der Wind war nichts weniger als das warme Versprechen, das mich antrieb.

Dort war einer jener Hauptbahnhöfe, die einander so ähnlich waren in ihrer schlichten Tristes. Blasse Leuchtreklame, witzlos. Rauchgraue Fassade, gedrungene Bauten, sich schämend für sich selbst, da sollte einer hin? Da sollte einer fort? Aus den Türen rannten Menschen wie Getriebene, der Bettler am Rand hatte seinen Kopf im Reisverschluss. Wie wird hier noch geatmet? Wie geträumt?

Ich trat in die Halle, Backwarenmuff, Müdigkeit aus gelangweilten Gesichtern quellend, mir entgegen, gleichgültig vorbei. Geschäfte natürlich geschlossen, Modeketten, Billigläden, da gab es Haushaltsdeko und dort Eiskaffee, eine Aufstellung der absoluten Banalität des Konsums. Laute Schritte auf verloren-leerem Boden, hallenhoch. Dahinten Spielzeug, in der Ecke und hier die Herrschaft der Fressstände, Fettgerüche, Formfleischtheken. Schnell durch die breiten Glastürfront, das war hier so angelegt; hinter mir das Forum, vor mir die Halle zu den Gleisen, Fußweg U-Bahn, Frust und Sicherheitspersonal, ein Irrer brüllte in sein Smartphone, vielleicht in deutscher Sprache, vielleicht auch nicht. Tauben pickten Süßgebäck, Brotkrumen in Spucke, Fastfoodburgertüten, Kaffeebecher rollten wie winzige Steppenläufer, erbärmlich erwartbar, irgendwo fuhr die Bodenreinigungsmaschine auf ihren schleimigen Bahnen. U-Bahnen in der tiefschwarzen Ferne verrauschend, das Individuelle dieses Ortes, ich ging ans Geländer, wartete, starrte wortlos den verrauschenden Bahnen hinterher, wie sie kamen, verschwanden, großen Würmern gleich unter mir; neben mir manche Menschen, aufgespült durch das irre Drehen der Rolltreppenstufen. Zuckungen an meinen Daumen, die krallten sich ans Geländer, aber ich würde nicht nachgeben. Ich ging zu den Gleisen nach draußen, ließ Bäcker beiseite, ließ Schaufenster beiseite, hielt mich nirgends auf. Die Rolltreppe trieb mich zu den S-Bahn-Gleisen, schob mich in die diesige Kälte des Morgens, spuckte mich aus. Lila Wolken, rotes Schimmern flockend vom Himmel, Wolken wie wahnsinnige Auswüchse von Angst. Ich setzte mich auf die kalten Planken, die so etwas wie Stühle symbolisieren sollten, schaute den Zügen hinterher, schaute den Menschen hinterher und atmete. Leise klang ein Vorwurf in mir, nicht gestorben zu sein. Verklingend, verrauschend, verstummend. Ich atmete. Ein frischer Tag? Züge rauschten vorbei. Menschen. Kinder. An den Bahnhofsgleisen zwanzig nach Fünf zuckten Städte auf: Keine wenigen Menschen, immer waren da Grüppchen, immer war da ein Hauch Gedrängel und immer einer vorweg. Halbzerfressene Gesichter, nackengesenkte Smartphoneblicke, Knöpfe im Ohr, ich hörte all dem zu, ich gehörte nicht dazu. Sicher nicht…Neben mir fand ich eine weggeworfene Zeitung, vielleicht auch vergessen beim Sprint zur Tür. Die Schlagzeilen der Welt, all das Leben, die Präsenz von Krieg und Frieden, Flucht und Rettung, gebrochene und marginalisierte Individuen, Führer und Religion, Blätter geschwängert mit all dem Weltmaterial hier neben mir morgens kurz nach Sechs. Plötzlich fühlte ich eine Wärme aufsteigen, als ich wieder aufsah. Plötzlich dachte ich, all diese Menschen hier kennen zu können, trotz des Irrwitzes dieses Gedankens, die Ausgestiegenen, die Vertriebenen und die Verkäufer mit ihren bunten brotkrumenbekrümelten Schürzen. Ich versuchte das Wort Heimat aber förderte es nicht zu Tage. Aber, dachte ich, als ich endlich einen Zug bestieg, vielleicht muss es so beginnen.