Einhundert Meter Höhe und zwei junge Menschen unter weißen Wolken rücklings in der Herbstwindkälte. Für zwei Augenblicke zusammen und diese vollkommene Genügsamkeit, trotz der Kälte, trotz der Höhe, vielleicht deshalb.
Und minutenspäter steh‘ ich, wo sie lagen. Kein Himmel, mein Blick zum Horizont, wo Wälder und Wolken sich zart, beinahe verwundert streifen, fast verschmelzen und doch getrennt verbleiben: Herbstwald und Horizont und Himmel. Und der Sound der Szene ist Betriebsamkeit in der Abgeschiedenheit der Höhe, der Sound der Szene ist das unendliche Verkehrsrauschen der 40, neben der Emscher, auf dessen stummen Wasser ein Containerschiff den Hafen sucht. Blickrichtung Essen. Heimat. Und teils rauchen noch einsame Spitzen, als röchle die Vergangenheit der Zukunft zu; oder sind es bereits Ausstellungsstücke, Attrappen an Altindustrie, Denkmäler, Mahnmäler? Das Ruhrgebiet als Fotokulisse, Folklore, Touristen posieren für ihr Handy, posieren vor den tausend Stäben der Plattform, dahinter die Ruhrgebietswelt, hinter tausenden von Stäben, als wüsste sie nicht wohin mit sich.
Ein Alter erklärt die Landschaft, deutet Gebäude und lässt sich von den Informationstafeln nur ungern eines Besseren belehren. Den Finger in der Luft, in die Weite weisend. „Dahinten“ sagt er immer wieder, „dahinten, dahinten.“ Und: „Die Welt ist kleiner geworden.“ Irgendwo dahinten ist Gelsenkirchen, denke ich, und vielleicht behält er ja Recht. Windradsilhouetten am Horizont, auf den Halden, auf den Feldern in Sicht, noch sind es vereinzelte Rädchen. Vor dieser Kulisse schießen die jungen Liebenden ein Selfie, der Alte versucht sich an den Erklärungen und ich, ich genieße die Aussicht über das Revier und denke: Es stimmt, dahinter ist‘s auch nicht besser.