Glück auf

Sie sagen, hier läge keine Poesie, in diesem Stadtteil, an dieser Straße alles Grau, Mist und ranzig, zwischen LKW-Verkehr und Feinstaubluft, an der B224. Ich laufe es ab, für euch einmal die Gladbecker lang und dann Straßenseitenwechsel hin, zurück:

Mit Hundert ausgespuckte Autos neben dem steinernen Rhinozeros, der beschmierten Kunst, dort halten und warten Autoschlangen auf Grün. Ich spaziere am Straßenrand: Vorbei an Burger-King und Mr.Wash, Mediamarkt, Staples, Shell und Poco, Elektrodienst und Motorrad Polo, kurz vorm Bahnbrückenuntergang, Motorenkreischgesang, neben meiner Schulter. All-you-can-eat-Restaurant, zur Rechten. Tauben picken Reste auf, zehn, zwanzig Stück auf einem Hauf‘, an allen Tagen und auch in Nächten. Flatternd fliegen sie die Dächer ab und warten und starren einen an, als wollten sie was sagen. Alles drängt, alles engt. Hinter den Fassaden, den abgeschmackten und neugestrichenen, Araber, Inder, Marokkaner, Türken, Deutsche und Albaner – mit wie vielen habe ich damals noch Fußball gespielt? Die schönen Tage, vor dem Bruch, und der Wunsch, für den wir alle brennen: gemeinsam zu rennen, zu spielen, zu agieren, ein Teil zu sein und sich dabei nicht zu verlieren.

Doch weiter: Die Sportanlage, Tennisplätze, Tartanbahn, und Gegensätze: Reiche Autos, alte Kisten, Gentleman und Chauvinisten; Fußballfelder, eingefasst, ackerhaft und tropfend nass, vom Regen der letzten Tage. Oberleitungsmast an Oberleitungsmast, Fitnessstudio, Schuldenlast, hinter zugezogenen Gardinen. Die Universitätstürme lächeln lächerlich bunt am Horizont, eine Fata Morgana über der Straßenfront, die Frage bleibt: Wer hier entkommt. Ich weiß es nicht und laufe weiter: Neben mir der BMW mit Bass, vulgärer Musik, ein Menetekel: AfD-Wahlsieg. Dann rauschen die Autos alle vorbei, die Ampel auf Grün und Wind dabei, Bäume lassen Blätter flattern, wieder sinken und Heck an Heck sehe ich Autos verschwinden, an der Kreuzung in Richtung Süden. Die Tankstelle dort drüben, kurz vorm Strich, hochgestellte Wände, man sieht es nicht, nur fast, nur kurz, für einen Funken dunkler Fantasie. Dann die Kreuzung und Entscheidung: Innenstadt, Frohnhausen oder Altenessen? Und die nehme ich euch nicht ab.

Hier endet eure Reise, an der Ampel nach den Impressionen, vor dem Bierchen; ich sehe Essen, Duisburg, Gelsenkirchen und ich werde diese Straße immer wieder gehen in all diesen Städten. Denn abseits eurer Poesie leben Menschen, wohnen stolz an diesen Straßen – hier wo für euch alles Grau ist, Mist und ranzig, hier in dieser Welt hofft man Hoffnung, hier an der B224.