Garten:erde

Wie leicht man vertrieben wird – zwischen Gartenparzellen und Vorstandssitzung. Habe ich die Hecke zu hochwachsen lassen? Wuchert der Rasen auf den Gehweg hin? Ich weiß es doch nicht. Liegen Pflaumen ungeerntet auf dem Gras und summen schon wieder zu viele Wespen dort umher? Brennt noch Licht im Schuppen? Liegt das Blatt falsch herum auf dem Boden? Hier fliegt man schneller raus, als man ernten kann, ein rauswurfsicheres Paradies, wo man über solche Wortspiele lacht. Aber niemand lacht hier wirklich und tatsächlich fliegt auch niemand raus, jeder hält sich an die Regeln, fein säuberlich an die Vorschriften, die letzte Bastion des Preußentums in der Großstadt. Das muss einen ja fertig machen.

Gertrud und Detlef schneiden die Hecke und bepflanzen die alten Beete mit jungen Trieben. Johann wird ermahnt, schon mal auffen Tacho geguckt? und Johann hebt die Hände, zu tief war er im Randsteinbepflanzen versunken. Mittagsstunde, Zeit für Jürgens Runde, auf den Kieswegen, an den Schrebergärten entlang, man grüßt, man nickt, man wettert gegen Jugend und Politik. Die Lippens haben das Imkern entdeckt, zum Leidwesen der Schusters, die niemand mag, mit denen niemand spricht. Meyers halten Hühner, ganz klassisch, und Jürgen gefällt das natürlich gut. Insektenhotels sind der diesjährige Trend: Aufregend, was? Pünktlichkeit ist Bienenzier, das passt hier gut ins Gartenrevier, und mit diesem Reim lässt er die Meyers allein. Dort gibt es Zank: Gesehen? Dem Dietrich sein Rasen wächst auffen Weg, ich sagte dem noch, Dietrich, sach ich dem, pass auf die 90cm auf, aber kennst ja den Dietrich, wat. Jürgen beschließt sich dem anzunehmen, aber morgen; heute ist Spieltag.  

Und bei Birgit gibt es wie immer zwei Pinnchen. Jürgen verspricht wieder, bei der Birnenernte zu helfen und Birgit verspricht wieder, zur Vorstandssitzung zu kommen und wird es wie in jedem Jahr nicht tun. Das wissen sie beide, das weiß auch ich. Aber Jürgen ist pflichtbewusst und bietet sich an und in Wahrheit liebt er Birgit seit fünfzehn Jahren; aber schweigt wie jeder hier und sehnt sich nur nach dem einen gemeinsamen Glück. Und verstummt.

Herbstonnenstrahlen fluten derweil halbhohe Bäumchen, die Geräteschuppendächer, Gartenzäune, Wasserbrunnen und stille Räume, verwachsene Träume, eine Fläche aus Nützlichkeit und Ästhetik entstanden in einer Asphaltwelt, unter Staubschichten und Kanalgerüchen. Hier werden grüne Tomaten geboren und Bienen gezüchtet. Hier trinkt man noch Schnaps handwarm. Hier wächst etwas zwischen Gartenlaube und Komposthügel auf eingezäunter Erde – eingezäunte Gedanken, Vereinsdünkel oder ausgelebter Grünlingssinn? Das rauswurfsichere Paradies hat Platz für viele Menschen, solange sie ihre Gebühren blechen. Die Schlange an Vorschriften ist lang – die Zündschnur der Nachbarn kurz, treffen dich ihre Blicke, vergessen sie nichts und manchmal werfen sie auch dir einen vergifteten Apfel zu. Und trotz allem sagen diese Leute: Wo will man lieber leben! Lieber leben.

Lieber leben.