„Unsern Fußballtempel“, maulte Helmut, „sie reißen das alles ab.“ Er zeigte überall hin: „RWE dat is Ruhrjebiet“ und „dat wollen se alle nich mehr“ und ich dachte: RWE ist Ruhrgebiet? Nicht der VFL, der SO4, der BVB? Das stimmt alles, das habe ich erst später gelernt, bei diesem immer aktuellen, nie zu entscheidenden, allzeit heißen Wettkampf. Das ist alles bunt. Und laut. Und voller Hass und voller Liebe. Und wird wohl immer mit drei Buchstaben geschrieben.
Ich erinnere mich: Helmut ging an den Baustellenzaun und spähte durch die Stäbe: „Aber wenn se den wech machen, dann is aber wat los!“, sagte er fast laut und mehr zu sich als zu den Verwirrten um uns herum, die alle sangen. Ich fragte, wen? Wen meinst du denn? „Den Boss natürlich, wen denn sonst?“ und daraufhin sagten wir nichts, gingen wortlos unserer Wege.
Das war 2‘12, ich erinnere mich hier in der Kurve an ihn, den verschrobenen, den mit der heiseren, gurgelnden Jogginghosenstimme, den es ein halbes Jahr nach Abriss erwischte. Zwischen Bratwurstbrötchen und Stauderbecher, erinnere ich mich plötzlich, hier in der vierten Liga, wo man Träume nur flüstert und die Vergangenheit in Fansprechchören beschwört. Spiel verloren oder unentschieden und ich verabschiede meine Freunde und gehe zum Auto und immer zufrieden und heute einen Umweg und bleibe dann vor der gar nicht einmal so großen, unscheinbaren Fußballerstatur stehen, die ihren Platz behalten durfte, halte ein paar Meter weiter, ein paar Meter von der alten Wirkungsstätte entfernt. Und da erahne ich, als die anderen mich passieren, weshalb dem Helmut das so wichtig war, diese saudumme Statue, dieses saudumme Spiel und dieser dumme dumme dumme Fangesang von alten Heldentaten, Freistoßtoren, Bananenflanken, weshalb es ihm so wichtig war, den alten Ruhm im Herz zu halten, zu hassen und zu hüten. Ich sehe den Boss und ich meine, das nun endlich zu verstehen, nicke mit dem Kopf und denke nicht mehr schlecht darüber, es ist okay.