Vor der Europafahne bleibe ich stehen. Ein Windwehen genügt, ein Windhauch fehlt und sie weht nicht, sie schunkelt nur schwach zur nackten Pflicht am Mittag. Menschen missachten sie auf ihrem Weg durch den Tag, Tauben lassen sich auf dem Mast zur Pause nieder, ewiges Gewimmel Alltäglichkeit. So viele verschiedene Sprachen verständigen sich in ihrem Schatten, auch hier im Herzen des Reviers. Ich denke: Das Ruhrgebiet ist das Europa Deutschlands. Jede Stadt scheint einzeln bedeutungslos im Bundesblick, wer kennt Essen, Bottrop, Oberhausen, wer kennt Dänemark im fernen Osten, Süden, Westen? Namen wie irrelevante Gerüchte, ja irgendwo hat man schon mal was von ihnen gehört, aber nein, eigentlich nicht. Unbekannt wie Belgien auf der Weltlandkarte, Spanien, Duisburg, vor allem anderen kennt man die Fußballvereine, Schalke, BVB und Real. Im Ruhrgebiet kann man sich auf eine Geschichte einigen – das ist nicht nichts, das ist mehr als Europa und darf nie alles sein, bloß nie die ganze Gegenwart und Zukunft, nie nur Folklore. Ein supraregionales Gebilde hier, ein supranationales Gebilde dort, Ruhrgebiet mit Götterfunken, Europa, ja, ich komm aus dir. Stolz auf das Gemeingefühl denkt jeder hier zuerst an sich, wo die Idee größer ist als der Wille der Einzelinteressen, leider noch immer viel zu viel Idee statt Tat. Ein gemeinsamer Strick, noch kein Strang, kein einheitliches Tarifsystem für den Personennahverkehr, weder hier noch dort mag man seine Politiker und hofft, weniger Schulden zu haben als die anderen und irgendwie so etwas wie Stolz daraus zu ziehen. Bloß das Ruhrgebiet hat ein Image, das hat es Europa voraus, dagegen, denke ich beim Anblick des stählernen, speerspitzigen Fahnenmastes, hat Europa eine Flagge und eine Hymne und dabei so viel ungehobenes Potenzial, man müsste es einmal heben, fördern, ans Tageslicht damit und dann Glück auf!