Emscherblick

Hier bin ich geboren, wo die Luft vor Schwefel faulte und in Lungen biss. Hier, am Kanal, wo das Wasser sich engt, fast flüchten will und die Menschen noch immer erträgt mit ihren Schiffen und schlechten Sprüngen von der Brücke. Hier erhob sich Atem wie eine Krankheit, damals, der Muff, der Gestank tausender feuchter Fäkalien. Hier hockte ich auf der grünen Böschung, ein Kind, tausend Gedanken weit entfernt von der Welt, allein und glücklich mit dem Leben.

Heute sitze ich hier, im Herbstgras, so wie damals und spüre, wie absurd das doch alles ist – mein Blick, denke ich, mein Blick ist nicht mehr meiner, der ist anders geworden, so wie die Welt und wortlos verliere ich ihn über dem Kanal.

Auf der anderen Seite schieben sich jetzt Menschen durchs Bild, laufen über diese komischen neuen, hellen Schotterwege und die Brücke dort hinten ist keine Brücke mehr, die ist nun Kunst und leuchtet in brückenunnatürlichen Farben. Da springt keiner mehr runter, denke ich und erst recht nicht so jemand wie ich, denn ich traue mich nicht einmal mehr, den Zeh in dieses Wasser zu strecken, aus Furcht vor dem, was mich erwarten könnte.

Also lege ich mich regungslos ins Gras, bedrückt von der neuen Welt, rücklings auf der Böschung und plötzlich steht da ein Kind. Es fragt mich, was ich hier mache.

Ich beobachte Wolken, antworte ich, denn heute bin ich mir sicher, dass das da Wolken sind, die sich über den Himmel schieben; Wolken, die zerreißen und sich ineinander verweben, ich sage: Dort oben sind Wolken, und ich sage das, als könnte ich es selbst nicht glauben.

Wolken, fragt es mich, natürlich sind da Wolken. Was auch sonst? Und schnell sprintet es zurück auf den Fußgängerweg, als könnte es mich nicht glauben.

Ich, ich schaue weiter in den Himmel, höre den Fluss nicht rauschen, und rieche keinen Gestank. Hier lag ich früher, damals, als Rus und Rauch über den Himmel krochen wie eine unendlich lange Raupe, das Blau verdeckten wie Wolken und ich denke:

Natürlich – Wolken; was auch sonst; heute und morgen, vielleicht.