Einfahrt

Der Wagen flog die Autobahn hinauf. Es war ein dunkelblauer Tesla, ein Modell frisch aus den Staaten importiert, mit Berliner Kennzeichen und großen Sporttaschen auf den hinteren Sitzen, die mit Wochengepäck gefüllt nicht in den Kofferraum passten. Leises Straßenrauschen drang durch die Scheiben, die fast einschläfernde Monotonie des Dauerverkehrs, und die Vormittagssonne verschmierte die Oberschicht der Asphaltdecke, als sei die Straße noch von einem Schauer gezeichnet. Isas Blick lag verträumt in dieser ihr fremden Landschaft, in der abgeerntete Felder die Straße umrahmten und in den Horizont verflossen, verliefen, vergingen. Sie wendete ihr Gesicht abwechselnd nach vorne, wo sich schon die ersten Häuser des Ruhrgebiets abzeichneten und zum Seitenfenster in Richtung Ferne, die ihr teils mit Windrädern gespickt zur Seite lag.

Neben ihr auf dem Fahrersitz saß der Freund, bald Ehemann, wie es ihr gerade durch den Kopf schoss, und in diesem Moment fasste sie zum Haltegriff und lächelte. Das Auto ging leicht in die Kurve, dann lag der erste Industriepark vor, neben und dann hinter ihnen und bald darauf ragte die B1 in den Horizont wie ein Versprechen.

„In Dortmund wird die Straße zur Vierzig. Dann sind wir fast da.“, sagte er und sie lehnte den Kopf an die Scheibe. Seine Hand umschloss ihre und ohne sie loszulassen, schaltete er einen Gang zurück: Der Verkehr wurde dichter, Stoßstangen nährten sich, teils blickte sie durch die Scheiben hindurch in die für einen zufälligen Augenblick benachbarten Autowelten und versuchte, an etwas Schönes zu denken.

Sie ließen den Dortmunder Flughafen rechts liegen und die Stadtbebauung schloss sich um sie, langsam, zunehmend, die Felder ablösend und Landschaft und Weite verflüchtigten sich im Rückspiegelblick. Hier engte sich die Welt.

„Hinter dem Wald ist der Hauptfriedhof. Mein Opa liegt dort. Oder lag. Es ist lange her“, sagte Wadi, der zufrieden festgestellt hatte, dass seine Verlobte mit geweiteten Augen nach draußen sah.

„Willst du sein Grab besuchen?“

„Nein, wie gesagt, es könnte schon eingeebnet worden sein. Wir haben eine Woche hier, die wollen wir nicht den Toten zuwenden. Obwohl es ein schöner Friedhof ist, meine ich jedenfalls.“

Isa nickte und ihr Blick verlor sich in der sich nun stetig verändernden Welt vor dem Fenster. Die Einkehr ins Ruhrgebiet gleicht einer Fahrt durch ein Nadelöhr, dachte sie, als mehr und mehr Bebauung das Bild bestimmte, man wird eingesogen, aufgenommen, mitgebracht. Die vierspurige Bundesstraße war noch immer von überraschend viel Grün umgeben, Bäume auf dem breiten Mittelstreifen, ein kleines Wäldchen zur Rechten; sie hatte sich mehr Schmutz vorgestellt, Rauch, Russ und rostverkleidete Restindustrie. So wie Wadi davon berichtet, erzählt, ja beinahe geschwärmt hatte, so war ihre Vorstellung bislang enttäuscht worden – es betrübte sie nicht. Nach einer solch langen Fahrt freute sie sich auch einmal über eine Gesprächspause und auch wenn sie gerne und viel mit ihm redete, sank sie nun doch nicht ungerne in den Sitz zurück und nahm die neue Landschaft auf.

Straße und Land engten sich weiter, die vier Fahrspuren schmolzen auf drei zusammen, fünfziger Zone und Häuser lösten die Felder und Bäume zur Rechten gänzlich ab. „Da“, sagte er mit lauter Stimme, „eine Kohlenlore! Wir sind wohl da.“ Doch als sie vorbeifuhren, erkannten beide, dass es keine echte Lore war, sondern die Drahtkonstruktion eines Künstlers, der eines der alten Bergbauutensilien nachgebildet hatte. Wadi zog die Augenbraun zusammen, „merkwürdig“, murmelte er, „was sich Menschen alles einfallen lassen.“ Isa teilte seine Verwunderung, jedoch nicht diese Ablehnung, die in seinen Worten mitschwang – lehnte jedoch nur leicht den Kopf an seine Schulter, um einer Diskussion mit ihrem künftigen Ehemann aus dem Weg zu gehen. „Man hat doch genügend echte Loren, weshalb so etwas aufstellen?“, sagte er und schaute betroffen in den Rückspiegel, als könnte er es noch nicht glauben.

Ihr fielen die Tankstellen auf, die sich aneinanderzureihen schienen, Autos fuhren dichter und dichter aneinander, zähfließender Verkehr wie hochviskoser Teer, Autohäuser mit schlummernden, frisch-geputzten Verkaufsobjekten, dann wieder parzellierte Mehrfamilienhäuser getrennt von Bäumen, Hecken, zu ihrer Linken der baumbespickte Mittelstreifen: Ihr Weg ins Ruhrgebiet führte durch die eigenwillige Interpretation einer Allee, hinter der sich Wohngebiete nicht nur erahnen ließen. „Du hast mir gar nicht gesagt“, sagte sie, „dass es hier so Grün ist“ und bemerkte, wie sich eine kleine Unsicherheit in seinen Blick schlich, der viel zu häufig im Rückspiegel lag. „Bau keinen Unfall!“

„Nein, keine Sorge“ und damit schaute er wieder angestrengt nach vorne, ohne auf ihre erste Aussage einzugehen. Sie dachte: Er muss sicher sehr müde sein, von Berlin waren es gut sieben Stunden und er ist noch trotzdem so sicher unterwegs. Nun legte sie ihre Hand auf seine und sah, wie sich seine Gesichtszüge entspannten. Die Umgebung erinnerte nun mehr und mehr an ihr Zuhause, an Berlin, und sie spürte, wie auch sie ruhiger wurde. Hatte sie vor der Abfahrt Zweifel gehabt? Ihre letzte Fahrt vor der Hochzeit führte sie ins Ruhrgebiet, einem Ort, an den sie nie gedacht hatte, einmal hinzureisen; durchzufahren, ja vielleicht, aber dort zu verweilen, wenn auch nur für einen knapp bemessenen Zeitrahmen? Doch jetzt erschienen die Häuser und Straßen, die Bürgersteige und Plakatwände ihr vertraut und gar nicht sonderbar. Es lag kein Rauch in der Luft, keine Schlote standen starr am Horizont, keine Zechen. Vielleicht hatte er Angst, dass sie dies enttäuschen würde, aber vielleicht war er auch enttäuscht – wer wusste es schon.

Die Tachonadel senkte sich weiter ihrem Startpunkt zu und dann standen plötzlich alle Reifen still. Wadi reckte den Kopf, konnte aber natürlich nichts erkennen. Nach wenigen Augenblicken ein leichtes Anfahren, erneuter Stillstand und so ruckelte es die nächsten Minuten fort. Isa sagte während all dem nichts, träumte in den Tag und Wadi schien während des gesamten Stop-and-go-Verkehrs doch zufrieden. Die Welt existierte für diese Momente in einem zähen Wechsel aus Stillstand und Fortbewegung und doch fühlte Isa, dass dies hier anders war als in Berlin, wo der Stau nicht zum Leben dazugehörte, sondern stets einen Pickel auf der Alltagshaut bildete, die immer viel zu perfekt sein musste und es natürlich niemals war – aber wer würde sich das eingestehen? Hier lag Alltag in diesem Ärgernis, ob es nun gut oder schlecht war, wusste sie noch nicht zu bewerten. Sie nutzte die Gelegenheit und versuchte, Einblicke in Gesichter zu erhaschen, Passanten, Radfahrer, Menschen in diesen großen, weißen Büroraumkomplexen, die überraschend nah an Wohnhäusern errichtet worden waren. Manche schauten auf ihr Auto, den Tesla, und sie bemerkte, wie viele überraschend lange und nicht ohne eine sichtbare Spur Skepsis hinsahen. Die Sekunde Vertrautheit, die sie kurz gespürt hatte, verschwand und sie griff wieder fester an den Haltegriff und nach Wadis Hand.

Dann schlichen sie an der Stelle vorbei, die den Grund des Staus preisgab und ihn gleichzeitig in ein Rätsel hüllte: Eine gesperrte Spur ohne eine Erklärung. Weder Unfall noch Fahrbahnarbeiten, keine Ampel, keine ausgelaufene Flüssigkeit. Der Stau verabschiedete sich hinter den rot-weißen Leitbaken, die wie zum Salut aufgereiht standen, so einfach wie er gekommen war und die Autos nahmen langsam Fahrt auf.

„Ist das jetzt die 40?“, fragte sie und er nickte.

„Manchmal nennt meine Oma sie noch immer Ruhrschnellweg“, ergänzte er nach einigen Momenten des stillen Nach-vorne-Starrens, bis ihm das Schweigen die Zeit zu nervenstrapazierend zerdehnte. „Die Planung begannen sogar viel früher, vor ihrer Geburt. Da fuhr man noch mit Pferdekutschen, kannst du dir das vorstellen? Den ganzen Weg von Berlin in einer Kutsche?“, aber erneut bekam er keine Antwort, sondern ihr Blick lag wieder zur Seitenscheibe gerichtet, ihre Hand noch auf seiner. Wie sie so dalag, dachte er an ihre nur zögerlich gegebene Einwilligung, mit ins Revier zu fahren – wie er den Raum an Rhein und Ruhr nannte – und als er dann noch sagte, sie würden bei einem Freund unterkommen, legte sich  ein Schatten auf ihr Gesicht und sie lächelte traurig und verließ das Zimmer. Lange schaute er auf die geschlossene Tür und griff zunächst widerwillig, dann jedoch entschlossen zu seinem Handy. Er kannte ja noch ein kleines Hotel, nichts besonderes, aber mit dem Charme der Region sicher gefüllt und so sagte er es auch Marco, der das verstand und Isa war fürs erste Zufrieden. Es würde ihr gefallen, davon war er fest überzeugt und ihre grundlegende Ruhrgebietsskepsis würde sich ändern, wenn sie einmal den Charm dieser Region verstand. Deshalb war er nun auch froh, dass sie nicht mehr diesen angespannten Ausdruck vom Beginn ihrer Fahrt hatte und er hoffte, dass dies ein gutes Zeichen war. „Weißt du“, sagte er, „die 40 gilt hier gewissermaßen als Sozialäquator“, und damit begann er einen kurzen Monolog über die Autobahn und seine Bedeutung als Größe in der Beschreibung der sozio-ökonomischen Struktur vieler Städte. Während er sprach, bemerkte er gar nicht, wie er schneller und lauter wurde, ganz im Gegensatz zum Verkehr, der wieder zu stocken begann. Doch er wirkte nun wie ein glücklicher Mensch und steigerte sich in seine Rede, während sie ihre Aufmerksamkeit den Bildern vor den Scheiben und seinen Sätzen gleichermaßen widmete. Sie hörte zu, nickte hin und wieder und bestätigte, wenn es angebracht zu sein schien, seine Aussagen, Ansichten und Anmerkungen zur Landschaft, die sich nun in Häusergrau und Baumgrün gepinselt ausbreitete. Nichts lag ihr ferner, als ihm zur Last zu fallen und wer weiß, dachte sie, vielleicht würde es wirklich schön werden. Eine Region ist schließlich mehr als die Gebilde, die sie prägen, eine Region wird durch die Menschen gemacht. Und auf die war sie tatsächlich gespannt, hatte sie doch bereits vieles gehört, von herzensgut über starrköpfig und stoisch bis hin zu ihrer Lieblingsbeschreibung: „Die Menschen dort tragen die Jogginghose auf der Zunge.“ Und was immer damit gemeint war, ihr ging es nicht mehr aus dem Kopf.

Mittlerweile fuhren sie durch Bochum und nährten sich Wattenscheid – wie die blau-weißen-Autobahnschilder angaben, die hoch über ihnen hinwegflogen.

„Wir treffen ihn an der Zeche Zollverein“, sagte Wadi und meinte natürlich seinen Kollegen, bei dem sie die Woche verbringen würden.

„Und heute schauen wir uns wirklich den ganzen Tag noch um?“

„Wir werden nicht zu spät ins Bett kommen, das verspreche ich dir“, antwortete er, „aber er hat nicht viel Zeit und wollte freundlich sein, verstehst du?“

„Nein, schon gut, ich freue mich ja auch. Ich bin nur erstaunt, wie fit du bist. Nach der langen Fahrt und dem wenigen Schlaf.“

„Ich konnte es ihm nicht abschlagen. Aber wenn du müde wirst, dann sag Bescheid.“

„Werde ich“ und daraufhin wandte sie sich wieder den vorbeifliegenden Bildern zu.

„Du kennst ihn noch nicht, aber er ist ein super Typ. Vielleicht etwas zu geschwätzig, aber ein unfassbar freundlicher Mensch. Ich freue mich wirklich, ich meine, du wirst ihn wirklich mögen.“ Sie kannte all das schon und vielleicht war es die sich so unaufhaltsam verringernde Distanz zwischen ihr und Marco, dem Freund ihre baldigen Ehemanns, die sie schweigsam werden ließ. Das Ruhrgebiet ist durchzogen von Geschichte. Das Ruhrgebiet wird zusammengehalten von Geschichte und Geschichten. Wer sagte das noch gleich und wieso kam es ihr jetzt in den Sinn, als sie die Anfahrt nahmen und in einen Stadtteil namens Katernberg einbogen? Sie konnte sich nicht erinnern, die Sätze flogen ihr zu. Aber die Aussicht auf einen redseligen, alten Freund ihre Freundes, der sie vielleicht mit Geschichten überhäufen würde, jetzt, nach der langen Fahrt, wirkte nicht gerade verlockend. Aber das würde sie sich natürlich nicht anmerken lassen – Wadi freute sich viel zu sehr, als dass sie ihn enttäuschen wollte und so legte sie wieder ihren Kopf an seine Schulter und lächelte.

Als sie ausstiegen, erstreckte sich das Zechengelände vor ihnen – Katernberg hatte bis dahin keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie parkten in einer Seitenstraße neben einer heruntergekommenen Schnellimbiss-Pizzeria bei der es jeden Dinestag Sonderangebote gab und gingen über die Straßen und die eingelassenen Straßenbahnschienen zur Wiese vor dem Haupteingang des Industrieparks. Und was sich seit längerem schon abgezeichnet hatte, ragte nun vor ihr in den Himmel: Der riesige, berühmte Förderturm, wie er mit seiner gewaltigen Präsenz die vordersten, rechteckigen, roten Ziegelsteinhallen des Zechengeländes überthronte auf denen in Frakturschrift der Name Zollverein in großen stählernen Buchstaben stand, ein Bild in scheinbar perfekter Symmetrie. Wadi war ganz begeistert. Er lief ein gutes Stück voraus und war schon auf dem Weg zum Fuß des Förderturms, als Isa noch durch das Eingangstor ging und fasziniert die gepflegten Reste der Montanindustrie betrachtete, die hohen Hallen mit den riesigen Fenstern, die verbliebenen Schienenreste, die nun zum Teil der Gehwege geworden sind und diese Atmosphäre aus verbliebenem Zechenarbeiterstolz und Neubeginn, die sie mit jedem Atemzug in sich aufnahm. Dann blieb sie plötzlich stehen. Auf der rechten Seite, zwischen den schmalen Wiesen und den Ziegelsteinkomplexen stand eine Menschenmenge, Frauen in bunten Kleidern und Männer in strengschwarzen Anzügen gekleidet. Fasziniert lag ihr Blick auf dieser Hochzeitsgesellschaft, die abseits des Hauptweges, vor einem Restaurant wartete, das wohl in eine der ehemaligen Hallen auf dem Zechengelände eingezogen war. „Sie mal“, rief sie Wadi hinterher, doch der war bereits außer Hörweite. Ein Wagen fuhr vor das Restaurant und durch das Spalier an Freunden und Familien, sah sie nun das Brautpaar aussteigen und die Gäste umarmen. Gemeinsam nahmen sie die Stufen einer Stahlbrücke gegenüber des Restauranteingangs, die sie über die Köpfe der Gäste auf eine kleine Stahlbrücke führte. Für eine Sekunde verharrten sie dort oben, winkten ihrer Gesellschaft und für eine Sekunde dachte Isa, dass der Blick der Braut auch auf ihr lag und sie wünschte sich Wadi zur Seite, um seine Hand zu halten und zurückzuwinken. Die Hochzeitsgesellschaft folgte nun dem Brautpaar auf die Brücke von wo aus sie ins Innere der Halle gelangten, ins Obergeschoss der alten Zechenhalle – und in diesem Moment drehte sich Isa um und lief ihrem Verlobten nach.

Der wartete bereits ungeduldig und mit großen Augen auf sie. Sein Gesicht war gerötet und er umarmte sie gleich, als sie bei ihm ankam. „Wo warst du denn?“, fragte er, doch bevor sie antworten konnte, zog er sie zu der Rolltreppe, die zu einem Museum führte, wie ein Schild verriet. „Die längste freistehende Rolltreppe Deutschlands“, sagte er so stolz, als hätte er sie persönlich gebaut. Und die Begeisterung, die er verströmte, diese Begeisterung über die Präsenz der Vergangenheit, über das sichtbare und nun auch fassbare Denkmal der Montanindustrie ließ sein Gesicht strahlen, vor Neugier, Freude oder Aufregung – das konnte sie nicht zu deuten, aber ansteckend war es. Keine Spur von Müdigkeit und wie er vor der mit Plexiglas überdachten, riesigen roten Rolltreppe stand, die so weit nach oben führte, dass man das Ziel nur erahnen konnte, da wirkte er mit einem Mal auf sie erschreckend kalt und fern, als wäre er selbst Teil dieses Denkmals und sie eine Touristin der Szene.