Möglich, dass dieser Gedanke nur eine flüchtige Seifenblase war: Ein Vormittag, der Neues verhieß. Ich spazierte an der Straße, kurz nach acht, Hauptstraße, Autoarmada und mich umgebend die Gewerbegebiete Wattenscheids, dahinter wagte sich manchmal Landschaft ins Bild. Ich erwartete hier nichts, ich bin ganz ehrlich: Mir war diese Gegend egal wie jedem. Hierher kam man zum Arbeiten oder Durchfahren, nie zum Verweilen, warum auch? Dieser Raum stellte niemandem das Verbleiben in Aussicht. Und außerdem: Keiner hielt mehr irgendwo inne oder staunte über etwas. Ich lief auf dem Bürgersteig zum Bahnhof, keiner neben mir. Alles fuhr fort. Und inmitten dieser Rastlosigkeit beobachtete ich die Gesichter der Menschen, die gerade dem Stau auf der 40 entkommen waren – wobei Fahren dort ein Euphemismus war. Das Telefonieren über Bluetooth, erhitzte Gesichter in den Vierradkäfigen, müde Mütter und verbitterte Väter, ausdrucksverlassene Morgenmienen auf ihrem Weg in den Tag; Kaffeebecher und Zigarettenkippen, die aus dem Fenster flogen, Stoßstange an Stoßstange auf jeder Seite der Fahrbahn, der Charakter der Stunde war die unablässige Bewegung, ein Durchgang auf dem Weg zum hochindividuellen Ziel: Der Arbeit. In meinem Blick lagen graue Autos, graue Häuser, grauer Asphalt. Alles hetzte. Bloß der feine Grünstreifen, der zwischen den Straßenseiten zu ersticken drohte, beharrte auf seinen Platz. Da lag keine Poesie in diesem Bild, ein schicker grüner Streifen in einem grauen Gewerbegebietskorsett, bloß die Wahrheit der Stadtlandschaft: Nützlichkeit und Optimierung jeder Fläche, alles verrichtete einen Dienst. Für Fantasie und Gefühl musste jeder selbst sorgen, dachte ich, und ich sorgte mich schon lange nicht mehr. Fatalismus, Defätismus, nein, keine großen Worte, ich wollte doch alles noch ein letztes Mal sehen, also auch das: Die vollen Parkplätze der Autohändler fernab jeder Romantik, die Sonne zersplitterte in unzähligen Autoscheiben. Eine Tankstelle illuminierte ihr Tagesangebot an geschmacklosem Fast-Food in knallbunten Farben an der kleinen Fassade des Kassiererhäuschens, die Preistafel wachte streng über die Zapfsäulen wie ein extravagantes Mottenlicht. Der EDEKA-LKW hupte seinem ALDI-Kollegen zu. Eine Wildgans flatterte durchs Bild. Alles das nahm ich auf, doch was mich staunen ließ, war die Sekunde Stille, als irgendwo die Ampeln mitspielten und kein Auto zu hören, zu sehen, zu spüren war. Der Pausenknopf. Das unerwartete Standbild. In jener Sekunde schien die Straße aufzuatmen, zu entspannen, lockerzulassen. Ich blieb stehen, blickte die Himmelsrichtungen ab: Da war nichts, bloß Leere in der Luft und auf den Straßen. Und das berührte mich doch, eine mir seltsam unbekannte Schönheit. Alles, was ansonsten übersehen werden würde, wurde nun sichtbar in seiner Bedeutung für das Ganze dieses Ortes: Die Kinderkreidezeichnung auf dem Bordstein unter meinen Füßen, das Rotkehlchen neben mir in der Grasdecke, Verkehrsschilder in ihrer hässlichen Unabdingbarkeit und das plötzlich in mir aufsteigende Gefühl ein Teil dieser Welt zu sein. Ich hielt es fest, bevor sich die Szene in ihr typisches Crescendo aus Autolärm, Beschleunigung und Hektik steigerte. Der Himmel lag bläulich-harmlos über mir und warm war es geworden. Irgendwo die Mondsilhouette, die sich noch nicht gänzlich verabschiedet hatte. Doch die Sonne war aufgezogen und in mir regte sich eine Erwartung an den Tag, die ich nicht verstand: Es könnte schön werden, vielleicht ein Frühlingstag, der vergessen hatte, dass es eigentlich Herbst sein sollte. Und erschrocken über diesen Gedanken, rannte ich die letzten Meter in Richtung Bahnhof, überholt von Autos und ungeachter der Menschen, als wollte ich diesem Ort entkommen.