Das Gegenteil von Stillstand

Viertel nach Sechs, verfliegende Bauten: Die sich an der Bahnstrecke erstreckende Landschaft im Zugfenstermodus. Ich stieg aus, als mir das Ganze einen Moment zu lange hielt und befand mich irgendwo zwischen Essen und Bochum, ein Raum wie eine fehlerhafte Matrix, Zwischenstadt, Felder statt Häuser. Als wüsste die Landschaft selbst nichts mit sich anzufangen, gefangen im Zwiespalt: Essen oder Bochum, Stadt oder Land, Gebrauch oder Ästhetik. Versprengte Felder, separiert durch Baumreihen, Felder wie grüne Puffer zwischen zwei Städten. Fern die 40, verrauschende Autos, nie niemals Stillstand, sogar gestern Nacht haben sie einen überfahren, hatte ich jedenfalls im Zug aufgeschnappt. Ich setzte mich an den Feldrand auf eine Bank und zählte die Reihen abgehobelter Weizenpflänzchen, Feldmäuse, Mäusebussarde: Das hier war das Ruhrgebiet. Eine Frau kam zu mir, nein, eigentlich ihr Hund und der setzte sich vor mich, als würde er etwas erwarten. Abgeerntete Weizenfelder, der Hund, die Frau und ich: Eine Bank, ein Blick gen Süden über die Felder. Sie fragte, ob sie sich setzen dürfte und dann redeten wir über das Wetter, die Zukunft und über Tage, die wie Nächte aussahen. Ich sagte, dass ich mich vor ein paar Stunden umbringen wollte, nur zum Test und sie lächelte milde und sagte nichts. Ihr Hund grub am Feldrand im trockenen Boden nach Mäusen und dergleichen, und hinter uns verrauschten die Autos zwischen Bochum und Essen. Es wurde Tag. Wir unterhielten uns über Heimat und sie kam aus Gelsenkirchen und ich nicht. Aber aus der Nähe. Sie erzählte von ihrem Vater und dem Onkel, beide vom Stollen vergraben, und von ihrer Nichte, die in Maschinenbau promovierte, die verschüttet unter Büchern und Formeln lebte, selten einmal schrieb. Ihre Sätze sprudelten wie Wasser durch gebrochene Staudämme und ich dachte: Diese Frau ist sicher sehr einsam. Ich saß nur da und hörte zu und eigentlich war mir das ganz recht. Sie schwärmte von einer Ausstellung in Oberhausen, von der Schönheit und wie sich dort alles gewandelt hatte: Bergwerk, Zweifel, Aufbruch, Shopping-Center. Sie sagte, dass dies das Schöne sei…und dann suchte sie wohl nach den passenden Worten und sagte schließlich: „das Gegenteil von Stillstand“ und überließ mich diesem Gedanken.  

„Ich war vor kurzem in Paris“, so begann sie ihre letzten Worte, bevor sie aufstand, „seit jeher Stadt der Liebe und Croissants. Aber: Paris habe ich nicht verstanden.“ Und dann ging sie, der Hund sprang spielend neben ihr her, fundlosglücklich, und mir blieb die Frage: War das jetzt schwachsinnig, feinfühlig oder kreativ. Ich wusste nicht, was es bedeuten sollte und ob es überhaupt bedeutsam war und die Sonne tauchte auf über den Felder, mattgetünchte Laubbäume wie hellbraune Pinsel. Felder am Ende ihrer Pflicht, ein lächerlich erwartbares Bild, für jeden außer für mich, hier im Revier. Der Feldweg zog sich ohne Schwung kerzengerade in Richtung Horizont und ich stand auf und hatte plötzlich eine Stimme und ein Ziel: Ich wollte in diese Ausstellung nach Oberhausen, neue Mitte, Gasometer, geradeaus.