Chamäleon

Als ich meine Oma fragte, welche Farbe das Ruhrgebiet für sie hätte, schaute sie mich sehr lange aus ihren sehr alten, sehr hellen Augen an. „Weiß“, sagte sie schließlich, „weiß, wie der Rauch über den Häusern und weiß wie der Schnee, in dem wir damals noch spielen konnten. Weiß wie die Wolken, denen wir lange nicht trauten, weiß wie das hart gekochte Ei, das jeden Morgen unser Frühstück war.“ Sie sagte: „Weiß wie Kohlenasche oder braucht es weitere Beispiele? Weiß wie die Gardinen, die immer gepflegt sein mussten und gewellt mit feiner Nadel. Weiß war das Sonntagskleid in der Kirche und unser Stuten auf der Faust, die Schaumkrone in der Kneipe danach sowie die anderen vier, fünf in den Gläsern deines Opas.“

Ich schaute in den Himmel. Sie sagte: „Manche werden dir Schwarz vorschlagen oder Grau. Staubgrau. Kohlenschwarze, sie nennen es Pottschwarz. Aber ich sage dir, dass Revier ist weiß wie das schönste Kleid deiner Oma, weiß wie der Neuanfang; hier ist der Neuanfang Teil des Alltags, die DNA des Reviers. Ich finde-“ und sie machte eine kurze Pause, bevor sie sagte: „Junge Menschen machen mir immer noch Hoffnung.“ Und das fand ich plötzlich poetisch. „Aber“, sagte sie dann noch, bevor sie in ihrem Kleingarten verschwand und sie sagte es wieder mit dem mir so bekannten Lächeln, halb Greisin, halb Jugendliche, „sag, das Ruhrgebiet ist grün, ganz ehrlich, du wirst nicht weniger recht behalten, als ich.“