Westlich im Viertel, der Hauptstraße fern, ein Haus hinter viel zu knorrigen Bäumen versteckt und abseits von Modernität. Seit fast einhundert Jahren ein Tresenleben, bei dem Rente fast ein Schimpfwort war. Ich war nie drin und bleibe auch jetzt, gerade jetzt, wie so häufig, vor dem Eingang stehen und mein Fensterblick wird zur Zeitreise in fünfzig Jahre Vergangenheit:
Da sind die Holzstühle um Massivkneipentische, ein überraschend großer Raum für unglaublich wenig Gäste. Minzgrüne Tischdecken, abseits jeder Mode, da sind buntblasse Plastikblumen, blaue, mickrige Vasen. Ein Holzfass auf dem Tresen mit einem Fässchen drin, die Fenster verhangen, weiße netzartige Gardinen, trüb. Melancholie trieft aus jeder Wandfuge wie Eiter einer Wunde und Weiß sind die Wände schon lange nicht mehr, dafür hüfthoch vertäfelt und dunkel und schwer. Der Boden glänzt wie zur besten Zeit, helles Holz, staubfrei, Ehrensache und dat muss so. Gemalte Bilder mit Bildern aus anderen Zeiten bilden das Dekor bereits seit Ewigkeit. Landwirtschaft. Heuballen. Flüsse. Der massive Billardtisch, der in der Mitte des ganzen Raumes steht, ist schön wie am ersten Tag und genauso verlassen: Man spielt Turnierbillard, was natürlich niemand Fremdes mehr kennt, heißt: niemand mehr, und so wenig Löcher wie der Tisch hat auch die Kneipe Gäste. Am Tisch vor dem Fenster zur Straße die Familie und der Stammkunde und eigentlich ist da kein Unterschied, alles zwischen Plauderton und Schweigen. Ein Tisch besetzt, der Rest schlummert, der Rest schläft.
Sie hingegen wacht über all das. Mit den trüben Augen, die alles kennen, Weltkrieg und Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Wirtschaftskrise. Einsamkeit und das Gegenteil davon. Nenne es Liebe, nenne es Freundschaft, nenne es, was du willst: Sie hat alles schon am Tresen verarztet. Geschulte Blicke, erhobenes Kinn trotz Mitte Achtzig, die Falten fallen beinahe nicht auf, Schritte, Tapsen, hin zum Tresen und zurück, volles Tablett, wackelnd, die Gäste haben doch keine Zeit, denkt sie, und davon eine ganze Menge.
Und manchmal geht ihr Blick natürlich in die Welt zum Fenster raus. Ihr Rücken gerade, wie das Tablett, das sie hält und was zählt das Alter hier? Wie viele Jahre und wie viele Jahre werde noch kommen? Haare wie Asche. Hände ans Glas. Hin und her. Tresen zu Tisch – ein Tanz! Ein gebrechlicher, tapsiger Tanz in Zeitlupeneinstellung für die drei Gäste. Denn die Kneipe ist alles, nur kein Käfig. Sie will nicht raus. Sie ist, wo sie hingehört. Seit achtzig Jahren. Der Wille weiterzumachen stirbt nicht, drängt ins Morgen, nächster Tag. Weltkrieg. Wirtschaftskrisen. Ohne, dass es etwas ändern würde, in der Welt, trägt sie Wünsche zum Tisch. Weltbewegend für ihre Gäste, der eine Abend, das eine Gespräch, das eine gebrochene Herz. Gastgeben heißt, dem Gast etwas zu geben. Der Spruch über dem Tresen. Sie lächelt noch immer leise, wenn sie das liest, noch immer, nach achtzig Jahren, und das macht einen wirklich sentimental.
Sie wird sterben. Möglicherweise bald. Möglicherweise morgen. Morgen in zehn Jahren vielleicht.
Aber auch hiervor fehlt ihr die Angst und sie trägt weiter, bis es passiert, bis sie in den Wolken am Tresen steht, weil sie daran glaubt. Während die Kneipe verfallen wird, vermodern und vergehen. Und dann werde ich mich hassen, nie bei ihr gewesen zu sein, nicht einmal ein Wort gewechselt, kein Glas am Tresen, keine der hundert Geschichten gehört, die alle mit ihr sterben werden, dann werde ich mich hassen und das wird schmerzhaft werden, denke ich, und wende mich doch ab vom Fenster, vom Licht, von ihrem Leben und verlasse die Szene, es ist schon Sechs. Denn das wird passieren. Morgen. Oder in zehn Jahren. Wer weiß.