Beim Raspeln von Rüben

Häuserreihen wie Monopolyminiaturen, reißbrettgeplant und aufgereiht in perfekt bemessenen Abständen, zwei Autolängen lang. Bleichbepinselt oder mit unverwechselbarem Ziegelsteincharme unterscheiden und gleichen sie einander wie entfernt verwandte Sprösslinge einer Familie. Dreißiger Zone. Parkstandstreifen. Nach hinten raus ragende Balkonlandschaften und noch immer pöhlen Kinder einen Ball in den Hintergärten, den grünen Gewissen der Blockrandbebauung.

Es wirft sich ein Schatten in den Kreis der Häuser, die wie versteinerte Menschen bei einer Séance auf ihre grüne Mitte blicken. Dort sitzt sie und es gibt sie noch überall: Einen jener alten Menschen, die alles schon erlebt zu haben scheinen. Einen jener Menschen, die seit Grundsteinlegung hier wohnen, hier in der Zechensiedlung, in den geometrischen Wohnungen. Verwitwet und tattrig und stolz.  

Hier ist es eine Frau, sie ist der Neunzig näher als der Achtzig, die in eine blumenverzierte Schüssel auf dem Balkon ihre Rüben raspelt. Sie erzählt von Kindheitserinnerungen. Sie erzählt, wie sie früher die Schönheit des Blocks war, das Tingeltangel-Hübschen nannte man sie. Sie schält Rüben und erzählt und die, die sie sehen, fragen sich, zu wem sie spricht, dort, auf dem verlassenen Balkon.

Kinder kicken im Hinterhof, bolzen den Ball über die Wiese, ein junger Messi, Ronaldo und Buffon. Über Maulwurfshügel, Stolperfallen und Laubabfall. Einer zielt zu hoch: Der Ball fliegt in die Rübenschale. Ein Versehen an Aufmerksamkeit und für eine Sekunde hält die Raspel still. Sie blickt stumm auf den Ball aus vergrauten, verschleierten Pupillen, als müsste sie sich an etwas erinnern. Ein Lächeln, ein Wurf zurück, sie sinkt in den Gartenstuhl zurück und staunt und blickt zu denen, die wegrennen, als ginge es um ihr Leben. Dann raspelt sie weiter und erzählt von dem Tingeltangel-Hübschen und den schönen Tagen in der Siedlung in die leere Luft. Sie könnte alles erzählen: Die Geschichten ihrer Jahre, die Geschichte dieser Häuser. Sie könnte alles erzählen, würde man sie fragen, allein, man fragt sie nicht. So raspelt sie Rüben und erzählt es der Schüssel, die stets ein geduldiger Zuhörer ist, aber auch schnell wieder vergisst. Sie lebt hier ganz bei sich. Und ist dort allein.