„Wohin fahren wir?“, fragte Isa und gähnte. Marco saß auf dem Beifahrersitz des schwarzen, neuen, etwas zu steril riechenden Teslas und Wadi konnte nicht aufhören, von den Exponaten des Museums zu sprechen, zu schwärmen, zu staunen. Für Isa war es unbegreiflich, wie er noch immer keine Anzeichen von Müdigkeit zeigen konnte, ihr Kopf war schwer geworden mit jedem neuen Stück der Industriekultur, und eigentlich, dachte sie, gleicht sich doch alles hier viel zu sehr. Eingemottete Fördertürme, jede Stadt schien ihre eigenen Altindustrieanlagen auf die gleiche Weise umgestaltet zu haben: Kunsthallen, Lehr- und Lernbüros für den Nachwuchs der Region, einfallslose Gastronomie und Imbissbuden, Touristenbüros. Aussichtsplattformen, von denen man nur auf andere, ähnliche Gebäude blicken konnte, rostige, aufpolierte Überreste der Montanindustrie. „Und wo geht es jetzt hin?“
Man hatte sie nicht gehört. Gedankenfragmente traten ihr vor die Augen, Überbleibsel der vergangenen Stunden, die sie mehr oder weniger interessiert verbracht hatte zwischen ausgestalteten, illuminierten Kohleschächten und anderen ausgestellten Überbleibseln des Montanzeitalters. Wadi hatte sie immer wieder in den seltsam schweren, starken Arm genommen, ihre Hand gehalten wie an dem Tag, als sie sich das erste Mal nähergekommen waren. Marco erklärte ihnen alles und Wadi zeigte auf dieses und jenes und war voller ungebremster Euphorie. Isa lächelte darüber.
Jetzt saßen sie wieder im Auto und wieder zog die Welt an ihr vorüber.
Eigentlich hielt sie nie viele Gedanken bei sich und vielleicht sah er deshalb immer wieder verstohlen in den Rückspiegel, vielleicht, bildete sie es sich aber auch nur ein. „Wenn wir angekommen sind, essen wir erst einmal eine Kleinigkeit“, sagte Wadi und Isa nickte.
Natürlich hatte ihre Schweigsamkeit ihn verunsichert, aber das schob er auf die lange Fahrt und die neue, fremde Umgebung. An einer Ampel griff er nach hinten und drückte ihre Hand, leicht und liebevoll und zärtlich. Sie war ganz kalt. Aber es waren ja auch wechselhafte Temperaturen draußen, dachte er und fuhr nach einer kurzen Rotphase wieder an. Der Schimmer des anbrechenden Mittags füllt nun auch den Wagen und die Wärme wurde von den schwarzen Ledersitzen förmlich aufgesogen. Manchmal, dachte Wadi, gab sie ihm Rätsel auf. Wie sie in die Welt starrte, wie ihr Gesicht so fahl und fern wirkte, so kam sie ihm plötzlich ganz weit weg vor und fremd. Aber das war sicher nur eine Phase, sie war einfach noch nicht angekommen, vielleicht hungrig, vielleicht auch nur müde. Das Wort ‚fremd‘ war wohl übertrieben, sagt er sich und sah wieder verstohlen in den Rückspiel zu ihr, die in die Landschaft schaute, weg von ihm. Sie würde schon noch warm werden mit dem Ort, sie würde es schon noch fühlen, die Ruhrgebietsromantik würde für sie…ja, was würde sie? Realität werden? Vergangenheit sein? Er stockte und dann wusste er selbst nicht mehr, was er denken sollte.
Bald wären sie am Einkaufszentrum, bald an der Promenade am Kanal, in der Ausstellung, oben auf dem Dach des Reviers, den Wolken nah, Gasometer, Aussichtsplattform. Spätestens dort würde sie die frische, kühle Revierluft wecken und er würde sie wärmespendend in den Arm nehmen und das Ruhrgebiet würde sich wie ein grüner Teppich vor ihnen ausbreiten. Wadi atmete laut und hörbar aus und Isa wandte ihren Blick nach vorne.
Nach dem Essen im Centro Oberhausen spürte sie das Verlangen, endlich Luft zu holen. Stundenlang im Auto, um anschließend in ein Museum unter Tage zu gehen, um in ein Einkaufzentrum zu besuchen: Sie brauchte frische Luft. Marco sprach vom Strukturwandel, von der ehemaligen Hütte, auf dessen Gelände nun die Neue Mitte gebaut wurde – wie das Gebiet hier hieß. Marco sprach sehr schnell, routiniert und unheimlich langweilig. Wie Isa fand. Das sei ein wirklich, wirklich gelungenes Projekt des Strukturwandels, sagte Marco, über zwanzig Millionen Menschen kämen jedes Jahr hier hin, aber sie konnte über sein ganzes Gerede nur noch gähnen. Er wies ihnen den Weg raus, durch die Gastro-Landschaft, die sogenannten Food-Stores umschlossen die Tischinseln und sie spazierten durch Gerüche und Aromen die an Italien, Spanien, Neu-Delhi und Castrop-Rauxel erinnern konnten, Pasta, Paella und Currywurst unter einer Kuppel aus Kruppstahl: Das war die Fressmeile des Centro in Oberhausen.
Durch die Glastüren ging es auf den Vorplatz. Einzelne Passanten wuselten über die neuverlegten Kopfsteinpflaster. Ein Kino verlockte mit bunten Plakaten, daneben der Kanal wie eine bläuliche Aorta. Isa ging ans Wasser. Eine einsamer, traurig-wirkender Schwan schwamm über das milchblaue Wasser, eine Libelle surrte durch die milde Herbstluft und die Passanten hier draußen wirkten genauso gelangweilt wie die Futternden im Einkaufsdom. Am Rand des Kanals hatten sich Cafés und Bars aufgereiht, kuschelten aneinander und warteten wie arbeitende Damen im Freudenhaus auf Kundschaft. Früher zogen sich Fließbänder voller Kohle durch die ausgebeutete Landschaft; heute ziehen die Konsumenten ihre Bahnen hin und zurück auf den alten, neugepflasterten Wegen.
Isa rauchte am Wasser. Wadi mochte es nicht, wenn sie ihre Zigarettenschachtel auch nur ansah, aber sie fand, wenn es einen Ort geben sollte, an dem ihr Rauchen nicht nur der eigenen Suchtbefriedigung diente, sondern sie sich damit quasi in die Vergangenheit einer Landschaft eingliederte, dann wäre es genau hier. „Seht ihr die Aussichtsplattform dort oben“, sagte Marco und deutete auf den zylinderförmigen Turm, der den Charme einer riesigen, rostigen Öltonne besaß. „117 Meter. Das ist unser letztes Ziel für heute. Wir nehmen die Treppe, oder?“ Isa aschte auf den Boden und pustete in die Luft. Sie sagte nichts dazu und ihr Blick verriet doch alles.
Und da standen sie nun davor. Das gedrungen wirkende Infohäuschen mit der Kasse, das so beliebig aussah in seinem zahnarztweißen Charme wie jedes Info-Kassenhäuschen vor jedem anderen Sightseeing-highlight der Welt, passierte man ohne längere Wartezeit. Dahinter empfing sie der Bauzaun und ein Schotterweg, der Hauptpfad ins Innere der riesigen Braunstahltonne, eine Abbiegung führte zur Außentreppe. Am Fuß des Gasometers roch es nach Benzin und einem Gemisch aus unterschiedlichen Wildkräutern, obwohl keine zusehen waren, sondern nur Brennnesseln und die Bäume des angrenzenden Waldstückchens, das als Hochseilkletterpark zu einer neuen Bestimmung fand. Sie entschieden sich, zuerst auf die Aussichtsplattform zu gehen, dann die Ausstellung zu besuchen und dann sagte Wadi, „würden ich doch gerne heimwärts.“ Was immer es auch bedeutete.
Marco sprach davon, bereits zwei Mal hier gewesen zu sein – allein in diesem Jahr und Wadi nickte beinahe ehrfürchtig mit dem Kopf, als sie zur Treppe marschierten. Isa schaute sich nicht um. Sie nahm es Wadi nicht übel, dass er wohl verlangte, einen Treppengewaltmarsch zu beginnen, sie nahm es ihm auch nicht übel, dass er nicht einmal fragte, ob er ihr nicht ihre schwere, modische, unhandliche Handtasche abnehmen könnte, nein, sie nahm es ihm übel, dass er sich über all diese Dinge hier aufrichtig freute, während sie nicht einmal mehr ein Lächeln zu Stande bringen konnte. Und sie empfand beinahe etwas Trauer über dieses Gefühl, aber eigentlich war das gelogen.
Wadi war im Foto-Modus. Sein Handyakku bereits arg strapaziert, hielt er trotzdem weiter alles Mögliche fest, die Treppen, die Umgebung aus unterschiedlicher Höhe und mindestens für zwei Selfies auch sich und seine Verlobte. Er dachte, dass jetzt ein Highlight kommen würde, dass unbeschreiblich sei und das erste, was sie dachte, als sie endlich oben angekommen waren, war, dass es aussah, als würden sie den Freigangshof eines Gefängnisses betreten. Stahlstangen sollten wohl jeden suizidalen Gedanken unmittelbar verdrängen und ragten zweimeterhoch und angespitzt in den Himmel. Zu ihrer Linken die erste Aussichtsplattform, vor ihnen der Dachweg, der einmal rund um die flache Spitze führte des Gasometers führte, nebst seinen Abbiegungen zu weiteren Panoramaausbuchtungen.
Aus dem Augenwinkel beobachtete sie immer wieder Wadi, wie er jeden Blick fotografierte, als könnte es der letzte sein, ganz gleich als wollte er eine 360° Aufnahme des Ruhrgebiets kreieren. So in seinem Element, achtete er schon nicht mehr auf seine Umgebung und sie musste mehr als nur ein wenig Schmunzeln, als ihr Verlobter mit dem dünnen, nachdenklichen Mann zusammenstieß, der seinen Blick bis dahin über dem Ruhrgebiet verloren hatte, Blickrichtung Essen, laut Infotafel. Isa konnte nicht ausmachen, wer von den beiden sich am meisten erschrocken hatte und beide wechselten ein paar Worte, die der Wind aber nicht in ihre Richtung trug. Bloß den Blick, den Blick des Fremden, der über Wadis Schulter zu ihr ging, den nahm sie auf. Und als Wadi sich wieder dem Aufnahmen sämtlicher Fernen und Nähen des Reviers widmete, war es der Fremde, dessen feurige Augen noch für ein paar flüchtige Momente zu ihr herüberstarrten, das Gesicht bleich und besorgt, fast kindlich, fast schön.
Dann legte Marco plötzlich eine Hand auf Isas Schulter und riss sie so aus dem Blickduett zurück in die windige Realität über der ehemaligen Zechenregion. Er sagte: „Wir wollen los“ und das gleiche sagte er wohl auch zu Wadi und dann gingen die drei stumm Panoramaaufzug ins Innere des Gasometers, betraten den Panoramaaufzug, der sie hinabfuhr, umhüllt von der Nachtschwärze des Innenraums. Und auf einmal griff Wadi ihre Hand und sie erschrak, als hätte sie vergessen, dass er ihr Verlobter war. Vor ihren Augen hatte sie noch den fremden, dünnen Mann, dessen Augen viel zu lebendig waren für seine Gestalt und zögerlich erwiderte sie Wadis Griff. Seine Hand schloss sich fester um ihre und dabei war sie ganz kalt und trocken und rau.
Wadi flüsterte: „Hast du den Mann dort oben gesehen? Gegen den ich aus Versehen gestoßen bin?“ Isa nickte. „Der meinte doch tatsächlich, dass er heute um ein Haar gestorben wäre, kannst du dir das vorstellen? Der meinte das ernst!“
„Der Bleiche?“
„Genau. Ich sagte ihm: Er solle doch bitte nicht runterspringen und er hat Null gelacht. Seltsamer Typ.“
„Und was hat er geantwortet?“, fragte Isa und Wadi zog seine Stirn in Falten – sie wirkte plötzlich so wach und ernst.
„Das weiß ich nicht mehr. Er meinte nur, er komme hier aus dem Revier und ich hab ihm gesagt, dass wir nicht von hier sind und das wir verlobt sind, habe ich ihm auch gesagt“ und Wadi betonte das Wort ‚verlobt‘ wie jemand, der sich seiner Sache gar nicht mehr so sicher war.
„Dann muss ihm ja in der Vergangenheit etwas Schlimmes zugestoßen sein, wenn er einen solchen Entschluss auch nur zu denken gewagt hat.“
„Ist das wichtig?“, fragte er und beschleunigte seine Schritte, als die Aufzugtüren aufgingen.
„Jemand der so mit dieser Region verwurzelt ist, dass er sich umbringen möchte – ich dachte, gerade dich müsste das interessieren.“
„Wie meinst du das?“
„Weiß nicht, ging mir eben so durch den Kopf.“
Wortlos beschauten sie sich die Ausstellung und sahen einander nicht mehr an. Jeder der beiden schien in einer eigenen Welt versunken und erst, als sie durch die Drehtür das Gelände des Gasometers verließen, atmete Wadi schwer und müde aus und sagte: „Ich kann nicht mehr.“ Isa fuhr ihm zärtlich mit der Hand über den Rücken, lächelte milde und musste gar nichts erwidern, um Wadi in dem Augenblick wieder glücklich zu machen. Begleitet von kniehohen Brennnesselsträuchern liefen sie unter einer kurzen Bahnbrücke durch in Richtung ihres Autos. Beide, Isa und Wadi schienen noch etwas sagen zu wollen, aber sie blieben bei ihren Gedanken und schwiegen. Als sie schlussendlich auf dem Parkplatz ankamen und ins Auto stiegen, sagte Isa: „Ich mag das Centro nicht, aber ich mag diese süße Promenade am Kanal. Die netten kleinen Cafés. Den einsamen Schwan.“ Und das klang beinahe wie ein Fazit. Wadi nickte. „Ja“, sagte, „das Centro fand ich auch nicht toll. Eine seelenlose Konsumlandschaft.“
Darauf schienen sie sich einigen zu können. Das Auto summte an und angeleitet von Marco, fuhren sie heimwärts, ohne zu wissen, wo das war.