Tagträume
Ich weiß noch, wie das Fischbrötchen schmeckte, das immer etwas zu harte Brötchen, die Äpfel vom Bauern und die verdammten, viel zu köstlichen, heißen Waffeln, morgens um halb neun. Mindestens einmal hatte ich mich verliebt und mindestens einmal zu oft den Mund gehalten am Blumenstand. Ich weiß noch, wie wir Pokémon fingen, Powerbanks in Händen, Wünschelrutenspiel. Ich weiß noch, wie das Eis von Casal auf die Stufen am Marktrand tropfte, als die Sommerhitze kam und ich weiß noch, wie das aufgescheuchte Kind einen Durstlöscher zertrat und Frisbee spielte mit den anderen. Irgendjemand fuhr immer Fahrrad und irgendjemand führte immer seinen Hund spazieren und irgendjemand saß immer auf den alten, braunen Bänken am Parkeingang, ganz stumm. Bis sie die abmontierten und den Obdachlosen und Heimatsuchenden, den Trinkern und Verlieren ihren Treffpunkt fortschafften, bis dahin saßen sie dort zusammen und starrten aus trüben Augen auf die freie Marktfläche bei Tag, in dessen Mitte ein Bäumchen steht, als wäre hier Hoffnung.
Zwischenräume
Noch weiß ich, dass einer von ihnen im Streugutcontainer genächtigt hatte, geschlafen, vielleicht so etwas wie gelebt. Und ich werde nie vergessen, wie ich davon hörte, dass man ihn angezündet hatte, er verbrannte, verstarb. Rentner zündet Obdachlosen an, wie könnte ich diese Nachricht vergessen und ich weiß noch, dass ich es nicht glauben konnte und dass es wahr war, weiß ich jetzt. Wir haben Flunkyball gespielt in jenen Wochen, vor den Bänken am Markt, und Kinder spielten Fußball und wer aß sein Eis nicht auf den unschuldigen, kalten Stufen? Sie spielten für den Obdachlosen ein Gedenkkonzert, direkt auf dem trauergrauen Frohnhauser Markt und davon habe ich auch nur in der Zeitung gelesen und gestaunt – verwundert war ich nicht. Es ist ein Ort mit Geschichte und ein Ort mit Geschichten, und doch kennt man nur sein eigenes Stück, egal was behauptet wird.
Nachtgedanken
Weiß ich noch, wie ich in einer dieser Nächte fühlte, mit Sicherheit ermordet zu werden, zumindest schwer verletzt, auf jeden Fall? Wie lang vergangen fühlt es sich an. Der Marktplatz in Dunkelheit, unser Flunkyballfeld am Parkrand und betrunken sind wir auf die drei Meter hohen Säulen geklettert, die erste Runde in der Luft, fast furchtlos und fast froh. Ich weiß noch, dass der unscheinbare, ein paar Schritte vom Markt entfernte Kiosk 24 Stunden geöffnet hatte und es vielleicht noch immer durchzieht. Ich weiß noch, wie die Faltenfrau hinter der Plexiglasscheibe zu Karneval neben ihrer Trauer und den Augenringen ein buntes Papp-Partyhütchen trug und das mich das irgendwie berührte, weiß ich noch sehr genau. Wie viele weitere Runden Bier sie uns gab, kann keiner sagen. Nur: Alles schien so vollständig zu sein in diesen Nächten auf dem Markt, so frei, und von da an könnte alles nur noch zerspringen, dachte ich, und zerfallen und vergehen, niewiedernie so vollkommen sein, die Menschen, die Familie und Freunde, die Räume und Träume, die Zeit der Jugend; vorbei.