Zehn nach Elf, ich hatte die letzte Zeit getrödelt, aber tatsächlich war es bereits so spät. Wo war die Zeit geblieben; verronnen, verloren, enteilt. Ein Tag wie ein Jahr, wie wenige Stunden, wie zähe Sekunden vergehend. Gerade unterhielt ich mich doch mit einem der irren, wirren Nachtschwärmer auf der Trasse, jetzt lief ich nach Hause unter den Belastungen meiner Erinnerungen und Wünsche. Sie war fort. Neben mir die Hintergärten mit den Taubenverschlägen, ja, es gab sie noch, ein federgrauer Rest Klischee, aber wem sollte ich einen Brief schreiben und wer schreibt heute noch Briefe außer in den Deutschklassenarbeiten und warum denn eigentlich nicht mehr und was haben uns die Briefe und die ganzen Wörter denn getan. Nachtgedanken. Vergessene Zärtlichkeiten. Stumme Medien trotz tausender Möglichkeiten. Die Tauben gurrten friedlich nebeneinander, schliefen nicht, nicht jetzt, wo ich vorbeilief, flatterten auf und ab zurück auf die Stange; kurz im Blick gewesen, fast vergessen, verloren, enteilt. Keine Schwäne, Tauben bilden das Bild, eine eigene Poesie dieser Landschaft. Ich dachte an mein Fahrrad, das Mordwerkzeug, lag es noch dort, wo ich es verließ? Ich wollte ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenken, geschenkt. Hier roch die Luft gemäht, ein Hupen auf den Straßen des Viertels, zwischen den Sternen zog ein Satellit seine leise Bahn und ich schlenderte, den Geschmack von Angst im Magen, der Angst nach Hause zu kommen, sie stach stärker zu, als ich es erwartet hatte.
An einer der kleinen Brücken blickte ich hinab: Straßenlaternen erleuchteten orange den Asphalt, wo eine zersplitterte Flasche lag, eine Babywindel und eine Radkappe am Straßenrand, ich sah das erfüllt von Ungeduld – wohin sollte das alles führen? Früher bretterte die Eisenbahn hierher, wo ich stehe, die Bahn mit ihren endlosen Waggonkolonen, dann die große Stille, dann die Orientierungslosigkeit, Zweifel und Neubau, und jetzt also ich. Ich werde nicht der letzte sein, nicht der erste, der hier runterspuckt, der weitergeht, bis zur Bank aus Beton unter der Straßenlaterne, orange beleuchtet und still. So kam mir der Tag, legte sich auf mich, als würde das ganze Gewicht des Ruhrgebiets auf mir liegen wie ein Grabstein. Ich dachte nicht mehr an sie, was natürlich gelogen war, aber ich dachte: Irgendetwas hatte sie gerettet. Wo sie war, wohin sie fuhr, wo ich saß und wohin ich ging: Wer wusste das schon. Wer weiß es schon. Was blieb, das war- ja, was blieb? Möglichkeiten und neue Ufer, neue Sterne, neue Straßen, neue Stufen. Ich irgendwo dazwischen und dabei und es ging schlechter, ich dachte: Es geht schlechter doch als hier und ich.
Was blieb, war ich, also atmete ich, stand auf und lief das letzte Stück des Tages nicht, sondern entriegelte eines der Räder am Rand, stieg auf und zwang mich, mich ein letztes Mal zu erinnern, warum das alles war, ein letztes Mal, um nach vorne zu leben. Ich fuhr und begann die Vergangenheit zu fühlen, langsam, und da kamen natürlich die Bilder, diese verdammten Bilder und Gefühle und diese verfluchten Zeiten und diese beschissenen tollen Zeiten und all das dazwischen gelebte Leben, mich fassend, mich schiebend, mich stürzend, wenn ich nicht Acht gab, und ich nahm Fahrt auf, nach Hause, zu mir, wo immer das auch ist.