Abschied

Steeler Stadtgarten und die Erkenntnis an den Stufen: Ich gehöre nicht mehr hier her. Der blasse Statist beim Abiball einer jener tausend Schulen im Revier, festlich-bunte Kleider und edel-scheinende Anzüge unterm Nachthimmelblau, Mücken taumeln in der trägen Sommerschwüle der Dunkelheit; Tänze, edeldrapiertes Essen und Reden voller Pathos und Anekdoten, die Schönheit des Aufbruchs und die Sentimentalität des Abschieds in Gesten, Sentenzen und Blicken. Nichts scheint sich in den Grundzügen zu verändern. Außer die Perspektive:

Meine Tochter im burgunderroten Kleid, den betrunkenen Freund an ihrer Schulter. Universität am Horizont und hier die Leichtigkeit der Vorfreude, Heiterkeit, Zweifel und Träume hinter den Blicken. Wie soll die Jugend leben? fragt mich eine Mutter, die mit mir am Stehtisch auf diese Szene blickt. Und die Frage trifft und war eigentlich schon beantwortet und doch immer wieder neu zu stellen.

Ohne mich. Man muss der Jugend die Jugend überlassen, die Einsicht trifft hart, aber sie trifft und ist natürlich keine Weisheit. Ich werfe schüchtern Blicke zu den jungen lachenden Lehrerinnen und finde sie nicht mehr attraktiv. Da liegt keine Magie, nicht in diesem Moment, nicht an diesem Ort, nicht für mich. Man muss der Jugend ihre Orte lassen und vertrauen. Trauern, vielleicht, aber auch das vergeht.

Ich gebe meiner Tochter keinen Abschiedskuss, natürlich nicht, ich sage ihr, dass es spät wäre und ich nun verschwinde. Ihr Freund verspricht, auf sie aufzupassen und wir alle wissen es besser, aber auch zu schätzen. Ich weiß, dass seine Eltern sie mitnehmen und sie lächelt und ist tausend Gedanken entfernt.

Die Zeit, in der ich alles hatte und nichts zu schätzen wusste. Jugend. Jahre her und der Rückblick ist vielleicht ein wenig verklärt, ein weing zu schön, bloß schön ist er doch. Aber wieso fühlt sich das hier wie ein Abschied an? Die Treppenstufen führen nach oben, durch die Halle mit ihren hohen Decken und dem rot-weißen Lichterflackern über der Tanzfläche, durch den Eingangsflur. Die Nachtluft umarmt mich kalt und klar, der helle unter meinen Füßen stark knirschende Kiesweg, Hecken und Pflanzen in der Finsternis schlummernd, die Straße vor dem Gitterzaun, Benzingeruch und schlafende Autos, alles in sternenscheuer Dunkelheit. Ein Abschied, vielleicht, ich begreife nur nicht, von was. Die elektronische Musik als Hintergrundsound, gedämpft fast schüchtern, die kalten Gleise in der Sommernacht: Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, dass die Dämmerung bald anbrechen wird. Ich weiß nur, dass es Zeit ist, zu gehen.