Abfahrt

Fern von Freude verfloss die Zeit vor ihrem Fenster, als sie versuchte, sich sein Gesicht in den Wolken vorzustellen. Sie erinnerte sich an den Fremden auf dem Dach des Gasometers und ihr schien es, als hätte sie dort den ersten richtigen Ruhrgebietler getroffen. Wie hieß er noch gleich? Hatte er nicht seinen Namen verraten? Sie konnte sich irren, schlug die Hand vor den Mund und gähnt leise auf dem Rücksitz zwischen Neuwagengeruch und Melancholie und den ganzen geleerten Gefühlen.Wadi bemerkte es im Rückspiegelblick, bemerkte, wie abgespannt sie aussah, blass und müde, ein eisiger, unzufriedener Blick – wohin genau? Aber auch er sagte nichts, so wie sie den ganzen Nachmittag schon schweigsam war und gemeinsam versuchte man, die Zeit zu ertragen. Es dämmerte und er spielte mit der Möglichkeit, abzureisen, keine große Zeit mehr hier zu verbringen, diese ganze Ruhrgebietswelt drückte ihm einen Stachel Schwermut tief in die Brust. Eine Woche. Eine verfluchte Woche- So lange wollten sie bleiben, was nach dem heutigen Tag lächerlich klang. Isa regte sich nicht und Marco tippte mit seinen Fingern den Takt der Radiomusik auf den Türgriff des Beifahrersitzes. Das war besser, als gar keine Geräusche, aber echt war das nun einmal nicht und so weit weg von Romantik, wie ein abgebranntes Lagerfeuer. Überhaupt: Romantik. Dieses saublöde Wort, das hatte er beinahe schon vergessen, obwohl es ihm doch um nichts weniger ging als das: Eine Reise sie noch enger zusammenzubringen, Erinnerung zu kreieren unter Zechenschatten, unter der Abendsonne an den Kanaluferwiesen, zu zweit, verliebt und voller hochherziger Gefühle. Doch bereits nach einem Tag war seine Begeisterung für diesen Ort verraucht und erkaltet, und nicht ohne die Spur eines Vorwurfs sah er flüchtig in den Rückspiegel zu Isa. Hatte er sich zu viel und schnell auf all die Umgebung gestürzt? Auf die Geschichten, die Welten und Erinnerungen seiner Kindheit? Möglich. Aber er wollt ihr doch zeigen, wie besonders das alles war, die Gebäude, die Landschaft, die Menschen und ja jede Ecke, jeder Kiosk, das hier war nicht Berlin, das hier war, ja, was war es? Ihm fehlten die Worte, die Begriffe und Bilder und er gestand sich, dass die Begeisterung über die alte Region ihn vielleicht doch übermannt hatte, jedenfalls zu Beginn. Die beiden Verlobten fuhren zu ihrem Hotel. Auf dem Weg setzten sie Marco an irgendeiner Ecke der Stadt ab, verabschiedeten sich flüchtig mit müden Umarmungen, ein Gegenstück zur Begrüßung, und fuhren fort.Der Abend war frisch, nicht kalt, aber fern von mild und angenehm, als Wadi aus dem Tesla stieg, um nach dem Gepäck zu greifen. „Entspann dich und mach langsam“, sagte Isa, „ich erledige den Check-In. Du kannst das Auto parken, dann kümmern wir uns ums Gepäck.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und lief über die Bordsteine in die Eingangshalle, die so einladend wirkte, wie eine Tanzfläche einer Disco morgens kurz nach Fünf. Die Empfangsfrau, eine spindeldürre Mittvierzigerin mit riesigen Tränensäcken unter den Augen und einem blonden Dutt tippte ihre Namen in den Computer und händigte ihr zwei Karten für die Zimmertür aus. Ob es Handtücher gäbe? „Was denken Sie denn?“ Und sie dachte: Natürlich. Und dann ganz plötzlich: Ich werde wohl nie dazu gehören. Nur: Wozu? Weder die Frage noch Antwort waren ihr klar, nur die Offenheit, die wie eine Wunde klaffte; wozu? Hätte sie länger Zeit gehabt, darüber nachzudenken, vielleicht hätte sie die Doppelsinnigkeit gelöst, doch in dieser Sekunde erschien Wadi hinter ihr und legte eine seiner kalten, monströsen Hände um ihre Schultern und griff sich die Zimmerkarten, beide. „Zum Frühstück gibt es Buffett“ und die Empfangsfrau betonte das „U“ und das „fett“ so deutlich deutsch und gastronomisch, bUfFETT, dass Isa grinsen musste, verstohlen zur Seite blickte, fast freudig. Weit und breit kein Zeichen von Leben, vereinsamte Garnituren und Möbelstücke, eine Eingangshalle fern von Charme und Wärme, meine Güte, dachte sie, wie ist Wadi denn hier darauf gekommen? Dann schob er sie in Richtung der Aufzüge, einer funktioniert tatsächlich noch. Ihr Zimmer befand sich im ersten Stock, Straßenblick, laternenlichtgeflutet, kalt. Es gab ein Doppelbett mit sehr weicher Matratze, einen Kleiderschrank, einen überraschend massiven Hartholzschreibtisch wie aus einer anderen Zeit und einen olivgrünen Chesterfieldsessel, der möglicherweise eine Art von Weltgewandtheit vermitteln sollte. Wadi stellte die Heizung höher und rieb seine Hände aneinander und auch Isa fröstelte es. In welchem Stadtteil waren sie, in welcher Stadt? War das überhaupt noch Oberhausen oder Mülheim oder bereits Essen oder gar Duisburg? Sie fragte sich, aber fragte es nicht und eigentlich war das auch nicht wichtig. Sie schlug sich in eine Bettdecke und ging wie ein Gespenst auf zwei Beinen zum Fenster. Wadi nährte sich ihr, griff nach ihrer Hüfte, stand nun ganz nah an sie gerückt und legte seinen Kopf an ihren. Seltsamerweise wärmte auch das nicht, seltsamerweise verspürte sie wieder dieses stumpfe Schlagen in ihrer Magengegend und sie sagte: „Schau dort, der Eiswagen macht Feierabend“, weil es das einzige war, das es zu beachten gab. Die Gegend war wie eine Stadteinöde, wie ein vergessenes Land am Scheideweg zwischen Neugestaltung und Abwrackzukunft und das einzige Glitzern kam von den Straßenbahnschienen, die eingefasst in dem mausgrauen Asphalt schlummerten. „Ein Eiswagen, daran musst du gerade denken?“, sagte er und löste seinen Griff. „Nein, aber es ist das Einzige, was sich hier gerade bewegt“ und sie drehte sich um und nahm seine Hand in ihre. „Der Tag war so lang, Wadi, und ich werde langsam müde. Lass uns noch einen kleinen Abendspaziergang machen, so wie nach unseren ersten Treffen, weißt du? Und uns dann hinlegen, wie klingt das? Morgen nehmen wir uns die Zeit für uns.“ Sie war noch immer umrahmt von der weißen Bettdecke, ihr Gesicht sah aus, als läge es in einer Wolke, als würde sie zu ihm sprechen wie eine alte griechische Gottheit direkt vom Olymp – wie konnte er ihr widerstehen! Und tatsächlich spürte auch er den Tag in den Beinen, eine kleine Abendrunde hörte sich mit einem Mal zwar anstrengend an, aber lohnend. Kühle, klare Luft. Zweisamkeit mit Isa, ohne Marco, aber mit Worten, die endlich wieder zwischen ihnen fallen würden wie Winterblüten auf eine Eisfläche. Außerdem kannte er die Gegend, gab es nicht ein paar ruhige, schöne Bänke, die alte Buche neben der Bäckerei, das leise Säuseln an der Brücke des Kanals? Dieses Hotel, ja es war nicht mehr so, wie er es in Erinnerung hatte, oder besser: Es war viel zu sehr so, wie er es in Erinnerung hatte, unverändert, alt, das hatte er nicht erwartet, wenn auch erhofft. Und so verbrannte er sich an seiner Sehnsucht nach der Vergangenheit, die plötzlich inkarniert in diesem klobigen Steinbau, vor ihm stand und die ihn mit einem Schaudern versah und mit ganz viel Scham vor Isa: Sie hatte etwas Besseres verdient. Wadi drehte die Heizung noch etwas weiter auf, bevor sie das Zimmer verließen, dann gingen sie die knarzigen Treppenstufen hinab, grüßten in Richtung Empfangstresen und standen kurz darauf an der Straße. Er schaute nach links, Isa ging nach rechts voraus. Keiner von beiden hatte die Uhr im Blick, sie sprachen ab und an mit sehr zerdehnten Pausen über den Tag und ihre Müdigkeit und über den Himmel und die Wolken und das Wetter, aber sie sprachen, und die gefallenen Herbstblätter auf ihrem Weg raschelten schön und schüchtern und schwarz. Hin und wieder ein grundloses Räuspern von Wadi und Isa griff seine Hand, die wie eine Geisterkralle ihre Finger umschloss, als wollte sie ihn beruhigen, wortlos sagen, dass alles gut werden würde, warum auch immer hier etwas gut werden musste. Sie waren sich einig, dass das Hotel nicht die beste Wahl wäre, sollten sie wiederkommen, und dabei lachten sie beide so laut und warm und schön, wie nur zwei Verliebte miteinander lachen konnten. Je mehr Schritte sie zwischen sich und dem Hotel zurücklegten, desto stärker wuchs in Wadi das Gefühl, doch noch die Kurve bekommen zu haben. In seinem Kopf formierten sich Fragen an Fragen und alle betrafen diese merkwürdige Distanz, die zwischen ihm und seiner Isa aufgebrochen war, seit sie hier waren, bestimmt erst seit sie hier waren, vor allem seit dem Ausflug auf den Gasometer, diese Kälte und Sprachlosigkeit, die Gott sei Dank wieder zu bröckeln begann. Nur sehr kurz dachte er an den jungen Mann auf dem Dach und wie Isa eine unerklärliche Neugier für ihn gezeigt hatte, den dürren, blassen nicht wirklich attraktiven Typen mit dem humorlosen Kommentar zum Runterspringen vom Dach.  „Hier hat mein Vater früher einmal Fußball gespielt“, sagte Wadi blieb stehen und deutete auf einen Zaun hinter dem sich eine brachliegende Freifläche befand. Sie war durchzogen von Wegen, die alle aussahen, als wäre ein mäandrierender Fluss in Asphalt gegossen worden, um ewig die Form zu halten, ein paar tristbraune Gras- und Strauchflächen, keine Spur von Bewegung. „Naja, den haben sie wohl auch schon länger zugemacht den Verein, oder nein warte, ich meine, er ist an eine andere Stätte gezogen, weggewandert, weißt du. Aber ich kann mich auch irren.“„Kann ich mir hier gar nicht vorstellen. Ein Fußballplatz… Bist du dir sicher?“„Ich erkenne die Form schon wieder, die Bilder sind hier gespeichert“, er tippte sich an die linke Schläfe, „außerdem ist das hier die Straße, hier die Parkplätze am Rand, siehst du? Eigentlich hat man alle Fußballplätze hier immer nur nach den Straßen gerufen, in denen sie liegen.“„Praktisch.“„Stimmt.“„Suchen sie jemanden?“ und beide drehten sich so synchron um, dass man meinen könnte, sie wären eine Person. Hintern ihnen stand ein kleiner, eingefallener Mensch mit blauverwaschener Fußballkappe. Sein Dreitagebart war ungepflegt, wuchs über der Oberlippe länger, war außen zusammengezwirbelt und so weiß wie Isas Bettdecke aus dem Hotel. Gelehnt auf den Lenker eines altes Damenfahrrads mit einem ausgeschalteten Lenkradradio wartete er wohl wirklich auf eine Antwort, kein Lächeln, aber auch kein Misstrauen oder Besorgnis nur zwei blaue, wache, traurige Augen tief im Gesicht versunken. Wadi sagte: „Nein, alles gut, wir machen bloß einen kleinen Spaziergang. Hier hat mein Vater gespielt, vor Jahren, wissen Sie.“„Ach“ und das kam so heiter und hell, das es Wadi und Isa schmunzeln ließ. „Wie hieß der denn? Ich war hier Trainer im Verein, wissen Sie, wie hieß er denn?“Und Wadi nannte Namen, beschrieb das Äußere seines Vaters und wann er ungefähr gespielt haben musste. Der Mann nickte die ganze Zeit sehr selbstsicher und sagte schließlich: „Der Name sagt mir was, aber kann ich jetzt nicht ganz einordnen. Irgendwas aber klingelt, ja ja, aber komme ich jetzt nicht drauf. Und ihr beide seid nicht von hier?“„Berlin.“„So, Berlin, und jetzt wollte ihr mal eine schöne Stadt sehen, was?“ er lachte kurz und heiser und sagte dann: „Ich mach nur Spaß, wisst ihr. Will euch auch gar nicht aufhalten. Berlin war ich auch einmal auf Mannschaftsfahrt, ganz schön, muss ich sagen, ganz nett, ja ja, ganz nett.“„Uns gefällt es hier auch“, sagte Isa und trat einen Schritt vor ihren zukünftigen Ehemann, aber wusste dann auch nichts weiter zu sagen. Der ältere Herr besaß nicht den Charme des Ruhrgebietlers von heute Mittag, seine Erscheinung hatte viel eher etwas rastloses, mythisch-altes, aber auch eine traurige Spur von angestauter Lebensmüdigkeit lag hinter seinen Augen, die zwischen Wadi und Isa hin und her den Blick wechselten, als müsste er sich entscheiden für was oder wen auch immer. In der ersten Sekunde erweckte er ihre Neugier, in einer zweiten jedoch ebbte diese ab, mit jedem Wort, das er sprach. Hier, unter den abenddunklen Kastanien, schlug sein Herz so laut für die Vergangenheit und den Fußball, dass es beinahe hörbar war, sichtbar daran, dass er und Wadi nun Worte wechselten wieder und wieder wie eine Vielzahl an Doppelpässen, über Schalke und die Borussia, über vergebene Chancen in der Vergangenheit, das gigantische Weicheiertum der heutigen Generation an Spielern, das jetzt auch schon in der Jugend zu erkennen wäre und natürlich über die verdammte Kommerzialisierung und Ökonomisierung von allem und jedem, dem Verlust von Tradition, die einzige reine, wahre Seele des Sports. Wadi sah zu Isa, doch fand er ihren Blick nicht mehr. Überlegte er für einen Moment, zu ihr zu gehen, weg von dem fremden, interessanten Mann, dachte er, dass sie sich nicht dabei wohlzufühlen schien, wenn er hier mit ihm über all die alten Kamellen redete, tatschte doch der ergraute Trainer in dieser Sekunde auf seinen Arm und fesselte seine Aufmerksamkeit wieder mit einem Schwall an Erinnerungen aus einer Zeit als er bei Wattenscheid 09 gewesen war. Isa trat wieder einen Schritt zurück, dann zwei weitere und kurz darauf stand sie allein am Eiszaun des Sportplatzes, die weitläufige Freifläche vor Augen, auf der sicher für so viele der hier wohnenden Menschen noch die Geister vergangener Lebenserinnerungen spukten, erscheinend, wann immer das Auge über die Fläche geht, gleich dem Phantom einer versunkenen, sportbegeisterten Welt. Da passte zum ersten Mal ihre Vorstellung zur Wirklichkeit, hier fügte sich das, was sie vor der Reise erwartet hatte, mit dem, was sie sah, zusammen. Eine trostlose Welt, eine aufgegebene Welt, auf der sich die Natur ihren Boden zurückeroberte, gemächlich, aber stetig fortschreitend still, die Zukunft. Während Wadi hier wieder aufzuleben schien, betrübte sie der Anblick zunehmend, machte sie ganz melancholisch, ein Gefühl gleich dem, das sie schon auf der Hinfahrt beschlich, als wäre das ganze Ruhrgebiet ein einziges Denkmal der Vergänglichkeit, anstatt ein Kornzeuge des Strukturwandels, als das es doch eigentlich mit Stolz eintreten müsste. Sie konnte es sich nicht erklären, diese verdammte Distanz zwischen ihrem Verlobten und ihr, wieso trat sie nun erneut so krass zu Tage? Ihre Finger griffen an die Gitterstäbe und dann sah sie das Baustelleninformationsschild zu ihrer Linken, das ungefähr zwei Meter hoch in der Luft stand, an drei Holzpfeiler geschraubt: Aufforstung einer Brachfläche, Renaturierung; um nur einzelne Schlagworte zu nennen. Isa öffnete leicht die Lippen, sah erneut über die Freifläche und wieder auf das Schild und musste schlussendlich lächeln, erfüllt von einer unerklärlichen Heiterkeit. Dann ließ sie los, den gar nicht mal so kalten Zaun und die Welt, die dahinter lag, drehte sich um und kehrte zu Wadi und dem hutzeligen Fußballtrainer zurück. Allerdings nur wenige Schritte: Denn bevor sie wieder neben ihnen stand, war es einer dieser viel zu lauten, dunklen SUVs, der an ihnen vorbeifuhr und der nach Isas Blick griff, ihn die Straße hinauf mitnahm; und da erstarrte sie.Dort am Ende, viel zu weit entfernt, um hinzugehen, zu weit, um sicher sein zu können, allerdings nah genug, um etwas zu ersehen, am Ende dieser Straße meinte sie plötzlich ein Gesicht zu entdecken. „Das kann nicht sein“, sagte sie laut und ihr Blick wurzelte in der Ferne an dem merkwürdigen Menschen, der aussah, als würde er in ihre Richtung blicken, fest. Sie fröstelte, sie brannte.„Isa?“, rief ihr Verlobter, „Isa! Ist alle okay?“Doch sie sagte nichts. Ging sie auf ihn zu oder blieb sie stehen? War das hier ein Scherz oder ihrer überbordenden Müdigkeit geschuldet oder doch vielleicht, nur ganz vielleicht, die unwahrscheinliche, unglaubliche Realität an einem verdammten Abend, den sie sich so gänzlich anderes vorgestellt hatte? Wohin gehst du, dachte sie, den Blick noch immer straßaufwärts gerichtet, auf diesen dunklen, menschenähnlichen Fleck gerichtet, warum ist dein Blick so todesruhig und schön gewesen, so gelassen und sorgenfrei? Sie sprach ihre Gedanken nicht laut, aber wie so häufig veränderte sich ihre Mimik mit jedem neuen Wort, das durch ihren Geist schoss wurde, wurde schwärmerisch, beinahe träumerisch und entzückt, so wie heute zum ersten Mal. Das geschah alles in Sekunden, in Minuten, würde man Wadi fragen und noch länger, wenn es der Trainer erzählte, und zwar jedem, mit dem er über „diese Berliner“ sprach. Irgendwann lief Wadi ein paar Schritte in ihre Richtung, aber näher kam er ihr nicht. Wieder rief er ihren Namen, wieder die Frage nach ihrem Befinden und dann antwortete sie endlich: „Ich dachte, ich hätte etwas Besonderes gesehen“ und beinahe wäre ihr das Wort „jemand“ über die Lippen gerutscht. Wadi griff seine Verlobte, wenig zärtlich, aber auch nicht grob, er zog sie an sich, aber es war der graubärtige Trainer an seinem Damenfahrrad, der als erster etwas sagte: „Etwas Besonderes, so?“, sagte er, der zusammen mit Wadi in ihre Richtung gegangen war, „ja, ja, etwas Besonderes. Wisst ihr, alle wollen immer etwas Besonderes werden. Fußballer, Filmstar – ich war ja nicht anders. Aber ich habe aufgehört zu glauben, dass ich etwas Besonderes bin, schon lange und zumindest verschone ich die Welt mit Geschichten über mein Leben. Wisst ihr, das hat man mir schon oft gesagt, schreib doch dein Leben einmal auf. Aber die Welt ist schlimm genug und die Welt ist langweilig genug und die Welt hat ganz andere Probleme als meine. Ich trainiere die Kleinen, sorge hier für die Dinge, die mich und ein paar andere betreffen und damit ist es genug. Wie es jeder anständige Fußballverein machen sollte.“ Aber Wadi hörte nicht mehr richtig zu. Er hielt seine Verlobte fest, die noch immer die Straße hinaufblickte, wo er gar nichts erkennen konnte, weder Mensch noch Tier, nur parkende Autos, Häuserwände und die menschenverlassene Straße verkleidet mit gefallenem Herbstlaub und Stummheit. Und dennoch hielt ihn die Sorge fest, dass Isa etwas zugestoßen sein könnte. Er konnte sich nur nicht erklären, was oder wo. An den merkwürdigen Mann von heute Mittag dachte er erst recht nicht, als sie einander an die Hand nahmen und schweigsam wieder weiter in die Nacht spazierten, zurück zum Hotel. Angekommen auf ihrem Zimmer umarmte Wadi diese unerklärliche Kälte. Hatte er nicht extra den Heizkörper hochgedreht? Ein Anruf an der Rezeption, eine freundliche Stimme aus der Leitung, morgen würde jemand kommen oder sie bekämen ein neues Zimmer, alles kein Problem. Oder wollte sie heute schon umziehen? Nein. Heute sollte nichts mehr passieren. Wadi legte auf und es fröstelte ihn bis tief in die Knochen. Hinter seinem Rücken das Badezimmerlicht unter der geschlossenen Tür, Isa war fast lautlos auf die Toilette geschlichen und nicht einmal der Wasserhahn war jetzt zu hören. Er atmete schwer und vernehmbar aus. Morgen könnte alles besser werden, dachte er sich und schüttelte den Kopf, morgen könnte alles anders werden. Mit zitternden Fingern zog er das Fenster auf, die Nacht quoll ihm entgegen, ins Zimmer, aber es war ja sowieso schon kalt, also: Was sollte es? Nicht nur Isa hatte sich das hier alles anders vorgestellt. Wadi blickte über die trostlosen Straße und entdeckte in der Ferne den dunklen Wald, Hochhäuser der Innenstadt am Horizont, die Hauptquartiere der Dienstleistungsgesellschaft, irgendwo wäre da auch die Universität, irgendwo mit Sicherheit eine Studentenparty am Laufen, aber nirgends einer der verkommenen, aufpolierten Fördertürme zu sehen, keine Teppichklopfgeräusche im Hinterhof und keine Freaks, die die Straße entlanggrölten, verzweifelt nach Mama Haniel schreiend, zumindest nicht hier. Hatte er es denn so krass erwartet? Ein Spucken auf den Bürgersteig, klatsch, und ein müdes Lächeln: Wahrscheinlich nicht.  Aber das war wohl auch ein bisschen gelogen.  Währenddessen saß Isa auf der zugeklappten Toilette und spielte mit einem abgerissenen Stückchen Klopapier, zerrupfte es, knüllte es und formte kleine Schlangen daraus, dann wieder Kugeln, dann wieder kleine Schlangen. Sie erinnerte sich an ihre Studentenzeit, wo sie beim Feiern vor den Typen manchmal auf die Frauentoilette geflüchtet war, und wo sie ihren Verlobten kennengelernt hatte. Auf einer Toilette, bloß die für die Jungs: Sie bog falsch ab und auf einmal stand sie vor Wadi, zwei ungläubige Augenblicke und beide mussten lachen. Jetzt, zwischen den weißbraunen, abgeschmackten Kacheln, wollte sie nicht weinen, warum auch? Sie war hier mit dem Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte – aber sie war eben auch in diesem gottverdammten, fensterlosen Badezimmer, weil sie genau das jetzt brauchte: Abgeschiedenheit und das Alleinsein mit ihren Gedanken an den Mann, dessen Namen sie nicht einmal kannte; und wieso, verdammt, es war doch nur ein kleiner Scheißblick und dann nichts mehr und wieso war das plötzlich hier im Inneren so heiß? Der Mann wirkte so todesentspannt, der trug so eine starre, genügsame Ruhe vor sich, der konnte alles sein: Ein Ingenieur, ein Arzt, ein Müllmann, ein Langzeitstudent, so viele Möglichkeiten, so viele Leben, so viele Wege. Der Alltagspsychologe könnte jetzt eine Verbindung herstellen, zwischen diesen Gedanken und der nahenden Hochzeit und könnte daraus etwas ableiten, dass so etwas wie eine Erklärung wäre. Aber das hier ging tiefer, das hier war anders als es ein Küchenfreud diagnostizieren würde oder eine Twittermeute: Sich nie festlegen könnender Millennial, ja ja ja. Nein. Isa atmete hörbar aus, unbewusster Weise genau in dem Moment, als es auch Wadi auf der anderen Seite der Tür tat, bevor er ans Fenster ging. Dann stand sie auf, öffnete und schloss den Wasserhahn, ohne sich die Hände zu waschen, und drückte die Tür nach außen auf.  „Glaubst du –“, sagte Wadi, als Isa neben ihm stand und ihren Arm um seine Hüfte legte, und dann sagte er nichts mehr und schloss die Augen für einen langen Moment. Was sie trennte, war offensichtlich, was sie verband, war das Wort, an das beide zugleich dachten: Weg. Aber sprach es jemand aus? Nein. Nur die Nacht warf ihren ureigenen Sound über das Ruhrgebiet, hin zu den Zechenbauten, den Wäldern und Wiesen, über die Felder und Bahngleise, die nieniemalsnie leeren Autobahnen, Schnellstraßen, 30er-Zonen, an die Reklamewände und gegen die Bushaltestellen, über die künstlichen Gewässer und neudesignten Parkanlagen, die Kunstrasenplätze und U-Bahn-Netze, unter die bewohnten Brücken und hinter die Reihenhäuser an den Stadträndern und leise ganz vorsichtig auch an das Fenstern des unscheinbaren Hotels, in dessen Zimmer Wadi und Isa im Zwielicht standen und nicht wussten, ob sie bleiben oder morgen die Heimreise antreten würden. Am Fenster nebeneinander, den Mond im Gesicht, wir sahen die gleichen Dinge, aber das Gleiche sahen wir nicht. So kitschig wird es Isa in ihr Tagebuch schreiben, wenn Wadi schon lange eingeschlafen sein würde, und das darf sie ja auch, ist sie schließlich keine Schriftstellerin oder so etwas, und genau an diesen Satz wird sie denken, wenn sie vor dem Altar ihr Ja-Wort geben wird, in einer scheinbar unglaublich weit entfernten, gar nicht einmal so fernen Zukunft in Berlin. So endete ihre Reise auch hier: Am Straßenrand schlummerte der dunkelblaue Tesla und beide blickten durch das Seitenfenster auf die teuren, dunklen Ledersitze und dann gingen sie ins Bett, krochen unter die kalten Hotelbettdecken, den Schlaf dankbarschnell empfangend, und einer von ihnen träumte von Wattenscheid und Bochum, von der Straße Richtung Dortmund, träumte von Tankstellen, die sich aneinanderzureihen schienen, dicht an dicht fahrenden Autos, dem zähfließenden, hochviskosem Teer gleichenden Verkehr, den Autohäusern mit schlummernden, frisch-geputzten Verkaufsobjekten, parzellierte Mehrfamilienhäuser getrennt von Bäumen, Hecken, zu ihrer Linken der baumbespickte Mittelstreifen: Träumte von dieser eigenwilligen Interpretation einer Allee, hinter der sich Wohngebiete nicht nur erahnen ließen, dieser Straße, die sie aus dem Ruhrgebiet tragen würde, und träumte und träumte von der schlussendlichen Heimfahrt nach Hause, wo immer das auch war.