Abendgang

Ein Raunen, vielfach von den Backsteinwänden geworfen, dein Raunen geht in die Welt. Vereinsamter Himmelblick, vergraute Augen und die Leere hilft gegen nichts. Du stöhnst. Ein Zittern. Ein Blick aus dunklen Pupillen und ein Jammern auf hohem Niveau über deine tiefe Unzufriedenheit. Das Raunen verfängt sich in den Gesichtern der anderen, während du durch all das Leben läufst und meinst es zu sehen, hinter einem Vorhang meinst du alles zu sehen. Abgeschieden von allem, für alle und du gehörst hier nicht her. Es raunt die Stimme in deinem Kopf, ein Flüstern wie ein sich engender Fluss. Geh jetzt, raunt die Stimme, vielfach von deiner Kopfrinde zurückgeworfen, dir ins Hirn, in dein Herz. Aufhören zu sein, immer nur werden, niemals stillstehen, du denkst, so war es hier schon immer und betäubt läufst du durch die Straßen und weißt nicht, wo du sein willst. Du stöhnst. Du zitterst, hilflos vor Kälte im gleißenden Abendsonnenlicht verbrennst du nicht, sondern erfrierst. Beweg dich, sagst du dir immer wieder leise, glotzt auf den Stau unter deinen Füßen, auf der Brücke, die Autos kriechen nicht, sie stehen. Und du? Du blickst nach Norden in die Sonne, auf der Brücke und gehst weiter. In den Abend hinein und öffnest schlussendlich die Tür und bist zurück in deiner Wohnung. Der Muff, der Gestank tausender fauler Gedanken schlägt dir entgegen. Du überlegst dir, fortzugehen. Du überlegst dir, dass alles hinter dir zu lassen, die Freunde, die Familie und die Geschichten, die dir so viel bedeuten. Du trittst ans Fenster und siehst in die Welt, siehst stillgelegte Zechenspitzen und Schlote ohne Dampf, die sind geblieben, denkst du und siehst Häuserwellen und Straßen wie kleine Äderchen und viel Grau und doch auch Grün. Und irgendwann entdeckst du dein Spiegelbild, wie es im Fenster schwebt, in der Welt, als seist du ein Teil von ihr und dann fallen erste Regentropfen. Du wartest. Stehst hinter der Scheibe und starrst hinaus. Und als Wolken sich verziehen, siehst du vor dein Haus, siehst es Dampfen, als würde das Ruhrgebiet neuen Atem ziehen. Da ist noch immer die Scheibe, vor deinem Gesicht, glänzend und dahinter die Welt, die Metropole erscheint dir plötzlich fremdbekannt und friedlich und dein Gesicht ist aus dem Glas entwichen, ein freier Blick in einem alten Zimmer: „sieh einer an“, sagst du dir leise, „sieh’s dir an.“

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