Astra, im Windschatten des Hauptbahnhofs versteckt. Das Kino als aussterbende Gattung und Essen, die Kinohauptstadt des Landes, besticht doch immer noch mit Filmkunsttheatern, Nischenläden, ein Kulturrevier mit Arthouseglanz. Die Frau im Kassenhäuschen kassiert Kinokarten schon seit der Stahlkriese und der Student am Snackstand tut sein Bestes hier zu genügen.
Heute wartet man lange vor dem Kino mit Biernamen und betäubend und betörend wünschen sich alle ihren Abend, einen Abend wie einen Ausbruch, ein Rausch, eine Abkehr vom Hier und jeder ist in seine Erwartung getüncht, der Blick geht zur Schlange vor die Tür:
Blonde Locken an seiner Schulter; er checkt sein Portemonnaie.
Hinten beschweren sich welche über das Geschlechterklischee
und vorne kann man es kaum erwarten.
Er findet ein Kondom und sie kniet sich zu ihren offenen Schuhen.
Gedanken an den letzten Film treibt eine einsame Studentin an:
Sie hatte Cola gegessen und Popcorn getrunken, versunken in den schreienden Farbwelten der Kunst, und hofft auf Wiederholung.
Weiter vorne beklagt man sich über die Preise und den Klimawandel und natürlich über Nicolas Cage.
Dem einen wird schlecht, wenn er Liebende sieht, er dreht sich nicht mehr nach hinten.
Die andere sieht den Film nur zu Forschungszwecken und natürlich ironisch, mit einem weißbleibenden Notizblock und großartigen Gedanken, enttäuschten Träumen.
Sie wird heute weinen, so oder so.
Andere träumen vom eigenen Drehbuch, Durchbruch, Dankesreden beim Oscar.
Na, dann Glück auf.
Wieder andere wollen am liebsten ein Leben mit offenen Pulsadern, so eine Art der Aufregung und Superkraft.
Der Flirt vorm Filmplakat ist kein Versehen. Eine Wasserflasche im Handtaschenversteck, zwei summen gemeinsam den Filmsoundtrack, und nur einen stört das nicht:
Es ist Donnerstag und er hält das Polaroid seiner verstorbenen Frau in der Jackentasche warm und erwischt sich immer wieder dabei, wie er leise an sie denken muss.
Das alles auf zehn Meter, die Bilder und Geschichten.
Einer ist eifersüchtig auf seinen besten Freund und kommt mit, weil er die Eifersucht allein nicht erträgt. Er wird auf der Toilette beschließen, es nie wieder zu tun. Nie wieder. Nie, nie wieder.
Dort ein Smartphoneblick und dort ein junges Glück, das heftig streitet, stritt und sich schlussendlich aus der Schlange… wie heißt es noch gleich? –
Schnitt.
Die Szene vor den Türen, dahinter enden Vorbereitung und Gespräche. Rotes Ambientes, Ungeduld und Gewohnheit. Nate King Cole im Hintergrundblues, das Licht gedimmt, Gerüche von Putzmittel und Polster und unendliche Geschichten liegen in der Luft. Um kurz nach halb öffnen sich Kinotüren und Portemonnaies, Schritte, Abendandrang in gar nicht allzuschicken Klamotten. Die geschwungene Treppen führt alle zum Vorführungssaal, Forschungsfrau und Eifersucht, Liebespaar und Witwer, noch einen Schokoriegel, gerne zwei, noch eine Flasche Cola light und dann auf die gepolsterten Plätze, die engen Sitze, jeder neben jeden und die Blickrichtung geradeaus, gespannt, gerade noch an die Stummschaltung gedacht. Dann der Vorhang auf und Schwarz und es flimmert endlich los:
Der Film.
Im Astra, alles wie vor fünfzig Jahren.